Bezirksgericht Kulm

Bootsbrand von Reinach: Freispruch für den Beschuldigten – der Steuerzahler hingegen muss zahlen

Am Morgen des 12. Februar 2018 brannte das überwinternde Boot komplett aus.

Am Morgen des 12. Februar 2018 brannte das überwinternde Boot komplett aus.

Der Besitzter des Bootes, das vor zwei Jahren in Flammen aufging, stand am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Kulm.

Sein Boot stand bereits in Vollbrand, als Andreas (Name geändert) im Morgengrauen des 12. Februar 2018 dazugerannt kam. Er war von der Feuerwehrsirene geweckt worden und sah beim Blick durchs Fenster, dass der Rauch von dort aufstieg, wo auch sein Boot überwinterte.

Und das Boot, mit dem Andreas (53) im vorigen Sommer auf dem Vierwaldstättersee gefahren war, war nicht das Einzige, das in Flammen stand. Das Feuer hatte sich auf das Industriegebäude nebenan ausgebreitet – eine Feuersbrunst wütete an diesem Morgen in Reinach.

Bilder vom Bootsbrand im Februar 2018

Einige Monate später bekam Andreas Post von der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm. Denn während er in den Wochen vor dem Brand auf seinem Boot unter freiem Himmel werkte, lief ein Heizlüfter. Einer, der eigentlich nur im Haus drinnen verwendet wird. Er sei die Ursache der Feuersbrunst, die unter Strafe steht– auch, wenn sie ungewollt verursacht wurde.

Zuerst die Bedienungsanleitung lesen

Die Strafe von 30 Tagessätzen à 130 Franken und einer Busse von 700 Franken (plus 2900 Franken Gebühren) war Andreas nicht bereit zu zahlen. «Ich habe nie etwas auf dem Boot gemacht, das nicht sicher gewesen wäre, ich habe ja viel Geld und Zeit darin investiert», sagte er vor dem Kulmer Bezirksgericht, wo er mit seinem Anwalt erschienen war.

Ob Andreas denn die Bedienungsanleitung gelesen habe, fragte ihn Einzelrichter Christian Märki. «Nicht jede Seite», gestand dieser. «Für häusliche innere Umgebungen und dergleichen», las der Richter den entscheidenden Satz der Gebrauchsanleitung vor.

Wegen dieses Satzes war Andreas im Schlamassel. Weil er die Anleitung nur flüchtig gelesen und schnell zur Seite gelegt hatte, wie es viele machen würden, sass er vor dem Richter.

Er hätte den Grossbrand vermeiden können, wenn er sich an die Anweisungen gehalten hätte, warf ihm die Staatsanwaltschaft im Strafbefehl vor. So aber habe er seine Sorgfaltspflicht verletzt, habe fahrlässig sein Boot und noch mehr in Flammen aufgehen lassen.

Doch so heiss, dass er gefährlich werden könne, sei der Heizlüfter ja gar nie gewesen, verteidigte sich Andreas vor Gericht. Bis zu dem Zeitpunkt wirkte er gelassen, jetzt war Ärger in seiner Stimme. Der Lüfter sei immer auf unterster Stufe gelaufen, gerade so, dass er bei den Reparaturarbeiten nicht fror und vor allem die Werkzeuge nicht eisig kalt waren. Zudem habe das Gerät genügend Abstand zu Gegenständen gehabt.

Anwalt kritisiert die Staatsanwaltschaft scharf

Dann bekam Andreas Unterstützung von seinem Anwalt. Dieser hatte den Bericht der Brandexperten penibel gelesen und schoss scharf gegen die Staatsanwältin: «Der Strafbefehl führt nicht auf, wie es von der Nichtbeachtung der Anweisungen tatsächlich zum Brand kam.» Denn: Die Brandermittler konnten den genauen Brandherd nie genau feststellen.

Wie sie in ihrem Bericht festhielten, könne es der Heizer gewesen sein. Dabei kann dieser aber auch wegen eines technischen Defekts angefangen haben zu brennen, steht dort weiter. «Zudem schreiben die Experten im Bericht, es könne auch Dritteinwirkung gewesen sein», so der Anwalt. Abwegig sei das nicht, fügte er hinzu, denn die Blachen des Boots seien für einen Brandstifter relativ einfach mit einem Messer zu zerreissen.

Nicht klar, ob Heizer das Feuer auslöste

Mit dieser Argumentation hatte er den Einzelrichter überzeugt. Die Staatsanwaltschaft dürfe nicht automatisch einen Kausalzusammenhang zwischen fehlbarer Anwendung und dem Brand bilden, wenn die Brandursache gar nicht feststehe. Christian Märki sprach den Beschuldigten frei. Die Gebühren und die Anwaltskosten (Höhe nicht bekannt) von Andreas muss somit der Staat, also der Steuerzahler, übernehmen.

Auch einen möglichen Haftpflichtprozess dürfte dieses Urteil beeinflussen, wie Gerichtspräsident Märki bestätigt. 155'000 Franken Schaden hat der Brand am Gebäude verursacht, geschädigt sind mehrere Firmen und eine Privatperson. Weil nun aber durch Richterspruch festgehalten ist, dass zwischen Andreas’ Verhalten und dem Brand kein Kausalzusammenhang besteht, müssten es sich Gebäudeversicherungen gut überlegen, zu prozessieren.

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