Stargast in Holziken
Blocher zu Gast bei seinen Leuten: «Wir sind innenpolitisch verludert»

Am Dienstagabend gastierte Christoph Blocher in Holziken. In der SVP-Hochburg hielt er vor 550 Gästen ein engagiertes Referat gegen die EU und für eine unabhängige Schweiz, die für ihn eine «Insel der Glückseligkeit» ist.

Mario Fuchs
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Impressionen von Christoph Blochers Auftritt in Holziken AG.
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Impressionen von Christoph Blochers Auftritt in Holziken AG. Im Bild alt Regierungsrat Ernst Hasler (SVP).
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Impressionen von Christoph Blochers Auftritt in Holziken AG.
Impressionen von Christoph Blochers Auftritt in Holziken AG.
Blocher in Holziken: Impressionen

Impressionen von Christoph Blochers Auftritt in Holziken AG.

Chris Iseli

Wann kommt er? Die zwei Polizisten vor der Holziker Mehrzweckhalle wissen es: «19.46, nach Navi.» Sie behalten recht: Punkt 46 fährt er vor, ZH 148 570, schwarzer Audi, Chauffeur. Zwei SVP-Altmeister in Anzug freuen sich, einander zu sehen: Hans Ulrich Mathys und Christoph Blocher.

Der alt Nationalrat hat den alt Bundesrat eingeladen. Mathys wird später sagen: «Ich will die politischen Highlights nach Holziken bringen.» Letztes Jahr war Ueli Maurer hier, heuer Blocher, bald soll Peter Spuhler kommen. «Ich kenne Christoph seit 20 Jahren. Ich habe ihn einfach angerufen.» So geht das.
«Wien ehr wänd»

19.50, in einem Vorzimmer mit der Aufschrift «Sitzungen» stehen die Ehrengäste beim Apéro: Hände schütteln, ein Gläsli Weisswein, ein Stück Meterbrot. «Soo, wie gohts?», fragt Blocher einen älteren Herrn, den er kennt. «Durzogä.» – «Du gäll, muesch es näh wie’s chunnt.» Man hat das Gefühl, er sagt es aus eigener Erfahrung. Im Foyer sammelt die Ortspartei Unterschriften: Gegen Billag-Gebühren, gegen den schleichenden EU-Beitritt, gegen fremde Richter.

In der Turnhalle tragen Männer in Jeans und karierten Kurzarmhemden mehr Stühle herein, stellen zusätzliche Tische auf, servieren «Blocherli» mit Kartoffelsalat und Brot («Für einen besonderen Gast braucht es eine besondere Wurst.») Die Schwyzerörgelifründe Ramsflueh aus Erlinsbach spielen Schottisch und Ländler. Im Sitzungszimmer erklärt Hans Ulrich Christoph den Ablauf: «Jetzt kannst du noch aufs WC, ist gleich da hinten, danach will Tele M1 eine Sequenz machen und dann würden wir reingehen, isch das guet so?» – «Wien ehr wänd. Die chönd jo sowieso nöd afange ohni mi.»

Ohne Manuskript, ohne Pult
20.10, wie Fussballer ins Stadion marschieren die Politiker in die Turnhalle: In Einerkolonne, der Captain zuerst, dahinter die Spielmacher Mathys, Burgherr, Knecht. Applaus, mehrere Juchzer. Im Publikum sitzen ganze SVP-Sektionen, viele Sympathisanten, aber auch FDP- und SP-Mitglieder sind zu erkennen. «Er zieht die Leute einfach an, das ist unglaublich», sagt ein Tischnachbar. «Diese Halle kenne ich, sie war früher das Zentrum der SVP», erinnert sich Blocher. Im letzten Jahrzehnt hatten hier mehrmals nationale Parteitage stattgefunden. «Hier drin haben wir schon wunderbar gesungen.»

Diesmal stimmt Blocher aber nicht den Schweizerpsalm, sondern ein Klagelied an. Die Rahmenbedingungen für die Schweizer Wirtschaft hätten sich «hueremässig verschlechtert» – man müsse jetzt «gottvergessen Gegensteuer geben». Die SVP werde deswegen in Bern als Neinsager-Partei verurteilt: «Ja, hoffentlich! Solche, die immer nur Ja sagen, hat’s genug.» Das Publikum applaudiert. Der Parteistratege spricht eine Stunde, ohne Manuskript, ohne Rednerpult.

Es ist kein «Referat», wie es auf dem Flyer angekündigt war. Es ist das abendfüllende Bühnenprogramm eines routinierten Alleinunterhalters. Er sagt, die Schweiz sei «innenpolitisch verludert», in Bern gebe es keine Grundsätze mehr. Die Schweiz sei «ein Sonderfall», der gerade deshalb so erfolgreich sei. Die Schweiz sei «weltoffen» und könne mit allen Ländern befreundet sein – aber wenn der Freund plötzlich dreinreden wolle, müsse man halt sagen: «Blieb wod bisch, und i blieb, woni bi.»

Blocher streift in seinen Argumentationen Napoleon und Karl den Grossen, Putin und Charlie Hebdo. Seine Partei sei «nicht gegen das Völkerrecht, sondern dagegen, dass man dieses über unser Schweizer Recht stellt.» 2016 komme mit der geplanten Abstimmung über die Bilateralen die «ganz dicke Post»: Der schleichende EU-Beitritt. Dagegen werde er sich mit mit seiner ganzen Kraft einsetzen. Und dabei auf Aargauer Unterstützung zählen: «Ihr habt nämlich richtig gestimmt damals», erinnerte er an die EWR-Abstimmung von 1992. Und verknüpfte die gute Erinnerung mit einer nicht ganz ernst gemeinten Drohung: «Wenn ihr dann 2016 nicht mehr spurt, komme ich nicht mehr in den Aargau.»