Bezirksgericht Kulm
Kriminaltourist muss nach Einbruchserie im und um den Aargau für vier Jahre ins Gefängnis

Ein erst 26-jähriger Albaner ist mit 15 vom rechten Weg abgekommen und gibt nun Einblicke in die Organisation seiner Einbrecherbande. Unterstützung hatte er auch von Landsleuten mitten im Aargau.

Michael Küng
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Das Bezirksgericht Kulm (Unterkulm, 23.06.2020)

Das Bezirksgericht Kulm (Unterkulm, 23.06.2020)

Britta Gut

Das Bezirksgericht Kulm hat einen Einbrecher verurteilt, der in nur drei Wochen unter anderem in beiden Kulm, Schöftland, Oberentfelden, Rothrist und Oftringen zugeschlagen hat. Er ist geständig und hat dem Gericht geschildert, wie er zu Hause in Albanien mit einem Komplizen von einem dritten Landsmann rekrutiert worden ist. Dieser organisierte eine Unterkunft in der Schweiz, ein Restaurant auf dem Land, versorgte sie mit Informationen zu geeigneten Gemeinden und mehr. Der Mitrekrutierte fungierte als Fahrer des Einbrechers, brachte ihn mit einem Auto in eine Wohngegend und wartete in kurzer Distanz auf die Rückkehr des nun Angeklagten. Dieser zog jeweils auf gut Glück los, fand mit Klingeln heraus, ob jemand zu Hause war und organisierte in nahen Schuppen passendes Einbruchswerkzeug.

Seine mittlerweile elfjährige Karriere als Einbrecher begann bereits im Alter von fünfzehn Jahren, fünfeinhalb Jahre sass er bereits im Gefängnis, in Frankreich, England und selbst zu Hause in Albanien. «Ein typischer Kriminaltourist», folgerte die Staatsanwaltschaft vor dem Bezirksgericht. Albanien sei bei weitem nicht so arm, wie hierzulande angenommen werde – tatsächlich lag das Bruttosozialprodukt Albaniens 2019 gemäss UNO bei 5300 US-Dollar pro Person, in der Schweiz bei 85 000 US-Dollar.

Seine jüngste Einbruchstour führte den Angeklagten 2016 mit dem Zug aus Italien in die Schweiz, wo er in nur drei Wochen 29 nachgewiesene Einbrüche begangen hat. Voraus gegangen ist eine weitere Tour in Italien, bei der er nicht erwischt worden ist. In der Schweiz hat er Gegenstände im Wert von fast 70 000 Franken gestohlen und verursachte gleichzeitig einen Sachschaden von mindestens 42 000 Franken. Die Staatsanwaltschaft schreibt in der Anklageschrift, dass er das Diebesgut in Albanien für umgerechnet mehr als 112 000 Franken veräussert habe. Vor Gericht sagte der Angeklagte hingegen aus, er habe Schmuck für rund 10 000 Franken verkauft, den Rest sei er nicht losgeworden.

«Sie sind hier hervorragend vernetzt»

In der Schweiz hatte er bisweilen auch Unterstützung von hiesigen Landsleuten, wartete in Gaststätten auf seinen Komplizen, bekam Hilfe beim Handy laden, damit er diesen kontaktieren konnte und wurde auch mal zur nächsten ÖV-Haltestelle gefahren. «Sie sind hier hervorragend vernetzt», konstatierte ein Jurist am Rande des Verfahrens.

Bleibt die Frage nach der Zukunft des jungen Mannes, der keine Ausbildung hat und lediglich sechs von neun Jahren Schule in Albanien absolviert hat, bevor er auf die schiefe Bahn geraten ist. «In der Justizvollzugsanstalt Lenzburg mache ich eine Lehre als Schreiner, das gefällt mir ganz gut», sagte der Angeklagte mit Hilfe eines Übersetzers aus. Er sei heute davon überzeugt, den falschen Weg eingeschlagen zu haben. «Es ist klar, dass ich Fehler gemacht habe, die ich bereue und für die ich mich entschuldige», sagte er in seinem Schlusswort: «Ich werde solche Sachen nie mehr machen».

Gericht folgt dem Antrag der Staatsanwaltschaft

Geholfen hat ihm das in Anbetracht seiner vielen Vorstrafen nicht. Die rund 29 Einbrüche, die er in nur drei Wochen in der Schweiz verübt hat, zeigten eine erhebliche kriminelle Energie, so das Gericht. Und wei die Beweislage gegen ihn ohnehin erdrückend war, könne auch seinem umfassenden Geständnis keine grössere Bedeutung zugeschrieben werden (er sagte sogar aus, drei oder vier Einbrüche mehr begangen zu haben, als ihm vorgeworfen wird).

Es war am Ende keine Überraschung, dass das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgte und den Angeklagten zu vier Jahren Gefängnis verurteilte. Dazu kommen ein zehnjähriger Landesverweis, der für den gesamten Schengenraum gilt, die Übernahme der Gerichts- und Untersuchungskosten und in einem Fall 648 Franken Schadenersatz, weitere Forderungen sind auf den Zivilweg verwiesen. Der 26-Jährige hat das Urteil mit gesenktem Kopf entgegengenommen.

Ob er nach dem Absitzen seiner Strafe wirklich einen Neuanfang versucht, wie er ausgesagt hat? Er werde es wohl tatsächlich versuchen, meint seine Verteidigerin am Rand der Verhandlung, aber ob er es schafft? «Ich glaube, das ist so gut wie ausgeschlossen».