Bezirksgericht Kulm
Bettlerpärchen wollte Gehbehinderten in eigener Küche ausrauben

Ein rumänisches Pärchen folgten einem älteren, gehbehinderten Mann vor dem Coop in Schöftland bis nach Hause. Dort wollte sie ihn ausrauben. Nun standen die Räuber vor dem Bezirksgericht Kulm.

Marina Bertoldi
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Ein Bettlerpaar wollte einen gehbehinderten Mann ausrauben (Symbolbild)

Ein Bettlerpaar wollte einen gehbehinderten Mann ausrauben (Symbolbild)

Keystone

Die Vorwürfe gegen das rumänische Pärchen wogen schwer. Am 8. Juli 2014 hatte es laut Anklage der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm den älteren, gehbehinderten Klaus (alle Namen geändert) vor dem Coop in Schöftland angebettelt und sei ihm dann bis nach Hause gefolgt.

Dort angekommen, sollen Viorel und Ada ohne Erlaubnis die Küche von Klaus betreten, ihn auf den Rücken gelegt und die Einkaufstasche sowie seine Pelerine abgesucht haben.

Da sich Klaus mit Händen und Füssen wehrte, liessen die beiden laut Anklageschrift wieder von ihm ab und verschwanden ohne Diebesgut. Sie wurden später wegen versuchten Raubes und Hausfriedensbruch angeklagt. Nun standen Viorel und Ada vor dem Bezirksgericht Kulm.

Widersprüchliche Aussagen

Die 30-jährige Angeklagte Ada trug Jeans, eine Lederjacke und schwarze Halbschuhe. «Ja, das bin ich», sagte sie leise und mit gesenktem Blick, als ihr der Gerichtspräsident ein Foto von der Überwachungskamera des Coop vom 8. Juli zeigte.

Hinter ihr ist ein Mann mit schwarzer Pelerine, der Geschädigte Klaus, zu sehen. Auf die Frage, ob sie Klaus mit einem Zettel um Geld gefragt habe, zuckte Ada mit den Schultern. «Es könnte sein. Ich kann mich nicht gut erinnern.»

Dann wollte der Richter wissen, warum die beiden dem Mann gefolgt sind. Die Angeklagte antwortete ausweichend. Sagte, sie habe dem Mann nichts Böses anhaben wollen und senkte den Blick. Später sagte sie, Viorel und sie seien dem Mann nicht gefolgt und hätten ihn erst vor seinem Haus wieder gesehen.

Dann meldete sich ihr Partner Viorel zu Wort. «Darf ich antworten?», fragte er den Gerichtspräsidenten. Klaus habe vor dem Coop ein Zeichen mit der Hand gemacht, erzählte der Angeklagte. Deshalb seien sie ihm gefolgt. Auf dem Weg hätten sie andere Leute anbetteln wollen. «Wir sind per Zufall dort angekommen, wo er wohnt», beteuerte der 35-Jährige, gestikulierte dabei energisch und zeigte, wie ihm der Geschädigte gewinkt haben soll.

Der Gerichtspräsident hakte nach: Der Weg vom Coop zu Klaus’ Haus sei nicht gerade kurz. Wie lange es gedauert habe, zu dem Haus zu kommen. Die beiden Angeklagten konnten die Frage nicht beantworten, beteuerten abermals, keine bösen Absichten gehabt zu haben. «Seinen Rollator hatte er vor dem Haus abgestellt. Er hatte keinen Halt und fiel einfach um», sagte Viorel. Er habe Klaus dann wieder auf die Beine geholfen. Auch Klaus hatte das mehrmals gegenüber der Polizei ausgesagt. Dabei hat der Angeklagte versehentlich ein Stück der schwarzen Pelerine rausgerissen und darauf seine DNS hinterlassen. Bei einer Routinekontrolle einige Monate später konnte er als mutmasslicher Täter identifiziert werden.

Laut Staatsanwaltschaft gehören Ada und Viorel einer organisierten Bettelbande an. «Ja, wir betteln», sagte der Angeklagte vor dem Gesamtgericht, «es ist unsere Beschäftigung.» Der 35-jährige Vater eines Sohnes hat in seinem Leben kein einziges Schuljahr besucht. Er ist mehrmals vorbestraft, sass in Rumänien wegen Raubes drei Jahre im Gefängnis. Darauf angesprochen, blickte er den Gerichtspräsidenten an und sagte reumütig: «Herr Richter, das war ein Fehler.» Auch Ada ist kein unbeschriebenes Blatt, ist wegen rechtswidriger Einreise, illegalem Aufenthalt und betteln vorbestraft.

Trotzdem forderten beide Pflichtverteidigerinnen den Freispruch ihrer Mandanten. Hätte das Pärchen einen Raub im Sinne gehabt, hätte es diesen ohne Weiteres ausführen können. Stattdessen habe Viorel Klaus wieder aufgeholfen. Gestohlen wurde nichts und Klaus wurde nicht verletzt, so die Verteidigerin. Die beiden Angeklagten bestritten die Tat bis zuletzt. «Was soll ich sagen. Ich fühle mich unschuldig, und es bleibt an Ihnen allen, wie Sie darüber entscheiden», sagte Viorel zu den Richtern.

Zu zwei Jahren Haft verurteilt

Die Entscheidung liess nicht lange auf sich warten. Das Bezirksgericht sprach Ada und Viorel schuldig des versuchten Raubes. Ada erhielt eine Freiheitsstrafe von 12 Monaten, die zu drei Jahren Bewährung ausgesetzt wird, und eine Geldstrafe à 120 Tagessätzen. Ihr Mann Viorel wurde zu zwei Jahren unbedingter Freiheitsstrafe verurteilt. Laut Gericht sei klar, dass Klaus nicht gestürzt sei, da er sonst Blessuren und Blutergüsse erlitten hätte und das Paar nicht zufällig zum Haus von Klaus hätte gelangen können. Während dem Urteilsspruch nickte Viorel, als wollte er das Urteil abschütteln. Seine Frau sagte nichts und senkte den Blick. Klaus, der seit seiner Geburt motorisch stark eingeschränkt ist, sass während der ganzen Verhandlung ruhig oder schlafend im Saal.