Reitnau
Bergrennen Reitnau: Ihr Parkplatz wird zum Quartier für einen Rennstall

Seit Jahren unterstützt das Ehepaar Hauri einen Rennfahrer. Der Kontakt zwischen Einwohnern, Zuschauer und Piloten ist so unmittelbar wie sonst kaum bei einem Rennen. Sogar der Gottesdienst findet auf der Piste statt.

Bastian Heiniger
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Wie jedes Jahr stellen Rosmarie und Willy Hauri einem Ostschweizer Rennfahrer ihren Parkplatz zur Verfügung.

Wie jedes Jahr stellen Rosmarie und Willy Hauri einem Ostschweizer Rennfahrer ihren Parkplatz zur Verfügung.

Bastian Heiniger

Wenn Motorengeheul die Kuhglocken übertönen, Abgase die Bergluft erfüllen und die Kirchenbänke am Sonntag leer bleiben, dann findet in Reitnau das Bergrennen statt. Am Sonntag ist es soweit, zum 49. Mal.

«In diesem Jahr starten mehr Rennwagen als je zuvor», sagt Thomas Kohler, der Organisator. Die gesamte Schweizer Renn-Elite werde vor Ort sein. Speziell sei, dass alles nahe beieinander liege: Rennställe, Strecke, Häuser. 12 000 Zuschauer strömen dann in den 1200-Seelen-Ort. Das gesamte Dorf wird zum Rennzirkus.

Das gehe freilich nicht ohne die Unterstützung der Einwohner, sagt Kohler. Viele Reitnauer stellen den Fahrern ihre Garagen und Hausplätze zur Verfügung. So auch Willy und Rosmarie Hauri. Mit einer Ausnahme waren sie immer dabei. Früher wohnten Hauris direkt an der Rennstrecke. So kam es, dass dann und wann ein Fahrer bei ihnen übernachtete. Bis zu fünf Rennställe schlugen zuweilen ihre Zelte bei ihnen auf.

Seit vier Jahren wohnen Hauris jedoch eine Strasse weiter hinten, weshalb sie nur noch einen Stellplatz anbieten können. Und der ist auch diesmal reserviert für Erwin Spiess vom Team Renault. Der Rennfahrer aus der Ostschweiz komme jedes Jahr mit einem Wohnwagen, sagt Rosmarie Hauri. Oft reise er und seine Frau bereits am Freitag an. Das sei für die beiden wie Ferien. Hauris stellen ihnen dann Strom und die Toilette zur Verfügung.

«Manchmal musste ein Mechaniker auch schon unsere Werkbank oder den Schraubstock im Keller benutzen», ergänzt Willy Hauri. Während des Rennens bleibe er meistens in der Nähe seines Hauses. Viele Rennfahrer und Mechaniker, bereits alte Bekannte, schauen dann bei ihm vorbei. Als Erwin Spiess 2011 seine Kategorie gewann, habe dessen gesamtes Team bei ihnen im Garten auf den Sieg angestossen, 20 bis 30 Personen.

Die Kritik ist verstummt

Als eingefleischte Renn-Fans würden sich Hauris allerdings nicht bezeichnen. Früher habe es jeweils extrem gestunken, sagt Rosmarie Hauri. «Die abgasgeschwängerte Luft war sichtbar.» Das war in den 70er-Jahren. Damals habe das Dorf abgestimmt und entschieden, dass das Rennen weiterhin stattfinden dürfe. Für Abgas und Lärm wurden Auflagen eingeführt. Mit den heutigen Autos sei dies ja kein Problem mehr, sagt sie. Ausserdem sei der Anlass nun gut durchorganisiert, weshalb die kritischen Stimmen mehrheitlich verstummt seien. Das Rennen gehöre halt zum Dorf, sind sich beide einig.

Willy Hauri, der bis 2011 Sigrist war, erinnert sich gerne an die Zeit, als der Pfarrer und die Kirchen-Band auf einen Lastwagen stiegen und den Gottesdienst auf die Rennstrecke brachten. Heute beschallen Lautsprecher auf der gesamten Piste das Konzert und die Ansprache des Pfarrers.

Geblieben sind Hauri ebenfalls die Eindrücke des ersten Rennens von 1965: Damals sass man an einem Hang und staunte, wie sich ein paar Leute aus Reitnau und den Nachbarorten mitten im Dorf ein Plausch-Rennen lieferten. Absperrungen und Sicherheitsvorkehrungen gab es noch keine. «Allerdings schossen die Autos noch nicht derart um die Kurven wie heute», sagt er.

Von Mal zu Mal wurde das Rennen grösser. Vereine eröffneten eine Festwirtschaft, immer mehr Einwohner halfen freiwillig mit. Heute vermieten Bauern ihr Land für Parkplätze und Hausbesitzer Stellplätze für die Rennfahrer. Aus dem einstigen Plausch-Rennen ist ein professioneller Wettkampf geworden. Dennoch: Der Kontakt zwischen Einwohner und Rennteams, zwischen Zuschauer und Fahrer ist so unmittelbar wie früher geblieben.