Pippo ist unruhig. Pressetermine ist er sich nicht gewohnt. Vorsichtshalber spreizt er seine Flügel. Man kann nie wissen. Sein argwöhnischer Blick verrät, er ist auf der Hut. Auch wenn der majestätische Greifvogel einen Clown-Namen trägt, ein Showman ist er nicht. Genauso wenig wie Norbert Wyssen, auf dessen Faust der Habicht sitzt. Den Attelwiler Falkner sucht man an Mittelalterfesten oder Flugschauen vergeblich. Der 51-Jährige, der der Liebe wegen erst kürzlich vom Appenzellerland ins Suhrental gezogen ist, betreibt die Falknerei in ihrer ursprünglichsten Art: zur Jagd.

Falkner Norbert Wyssen und Pippo beim Konditionstraining.

Falkner Norbert Wyssen und Pippo beim Konditionstraining.

Norbert Wyssen hebt den Arm. «Hopp.» Pippo schwingt sich in die Luft, hinauf auf die nächste Warte. Ein Gestänge, eigentlich gedacht als Bruthilfe für Störche, scheint ihm für einen ersten Rundblick genehm. «Das ist sein Kaktus.» Der Falkner lacht. Die Habichte, wie Pippo einer sei, stammten ursprünglich aus Südamerika. Wegen des irreführenden deutschen Artnamens «Wüstenbussard», der sich aus dem Lateinischen «dem Bussard ähnlich» abgeleitet hat, benutzt er lieber die englische Bezeichnung: Harris Hawk.

Nervenstarker Vogel für die Halle

Wie beim Kantonsspital Aarau? «Zum Beispiel», sagt Norbert Wyssen und lacht. «Von dort ist aber noch niemand auf mich zugekommen.» Bis jetzt seien es vor allem Freundschaftsdienste und einzelne Aufträge von Behörden, die er ausführe. Noch betreibt Wyssen die Falknerei als Hobby, aber er ist überzeugt, dass das Jahrtausende alte Handwerk Zukunft hat. Auch wenn Beizjäger in der Schweiz etwa im Vergleich zu Deutschland noch selten zum Einsatz kommen, ist für Wyssen klar: «Der Einsatz von Greifvögeln ist die einzige Möglichkeit, Krähen effektiv zu vergrämen.» Schlaue Rabenvögel liessen sich nicht so leicht von einer Drohne täuschen, die zwar schreie wie ein Habicht, aber nicht das über Jahrmillionen manifestierte feindliche Flugbild zeige.

«Greifvögel sind auch überall da geeignet, wo keine Waffen eingesetzt werden können – auf Flughäfen, in Stadtparks, Hotelanlagen oder auf Friedhöfen», sagt Wyssen. Und da der Falkner über die Fütterung steuern könne, ob sein Vogel jagt oder die Schadvögel nur vertreibt, könnten Greifer auch während der Schonzeit eingesetzt werden.

Pippo ist es heute nicht ums Jagen. Das Krähenpaar, das über ihm in der Weide zetert, lässt ihn kalt. Scheinbar einfach lässt er sich mit einem Stück Fleisch auf die dick behandschuhte Hand zurücklocken, bevor er sich erneut auf den nahen Baum absetzt. «Ein Greifvogel fliegt nicht zum Spass», sagt Norbert Wyssen. «Er hat gelernt, dass er bei mir ohne Anstrengung zu Nahrung kommt.» Die Kunst der Falknerei bestehe darin, die Balance zwischen Jagdlust, Fitness und Rückrufbarkeit zu finden.

Der lange Weg zum Beizjäger

Bis ein Greifvogel so weit ist, braucht es viel Zeit, Geduld und Fachkenntnisse. Diese zu erwerben, ist nicht einfach. Schliesslich gibt es in der Schweiz nur knapp zwei Dutzend Beizjäger. Um genügend Zeit für seine insgesamt sechs Greifvögel zu haben, tauschte Wyssen seinen Beruf als Polizist unlängst ein gegen den Nachtdienst bei einer Sicherheitsfirma. Es ist ihm ein Anliegen, dass sich Personen, die mit der Greifvogelhaltung liebäugeln, eingehend informieren können – nicht zuletzt auch über den langen Weg zum Beizjäger. Denn bis man einen Greifvogel fliegen lassen darf, müssen etliche Hürden genommen werden. Berechtigt wird nur, wer die Jagd- und die Falknerprüfung gemacht hat. Ausserdem muss ein Fachkundenachweis zum tierschutzgerechten Halten von Greifvögeln erbracht und eine Bewilligung zur Haltung von Beizvögeln eingeholt werden.

Das Training ist beendet. Pippo wird mit einem Federspiel «hereingeholt», wie der Falkner sagt. Norbert Wyssen schwingt eine Art Angelrute durch die Luft, an der eine Krähenattrappe mit einem Stück Fleisch hängt. Der Habicht lässt sich auch jetzt nicht lange bitten. Pfeilschnell stösst er auf die Krähe hinab, reisst sie zu Boden und hackt mit gespreizten Flügeln auf den Leckerbissen ein. Später lässt er sich mit einem weiteren Futterstück mühelos auf die Hand locken und eine lederne Haube über den Kopf stülpen. Die Dunkelheit macht ihn ruhig. Es ist Regenerationszeit.

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