Reinach
Beizer Willimann: «Die Esskultur ist verschwunden»

Am Montag hat der «Schneggen»-Wirt sein Haus geschlossen und die Bilanz deponiert. Peter Willimann, Restaurateur und Inhaber des «City» im Gespräch zur Gastronomie im Dorf.

Peter Siegrist
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Peter Willimann, City, Reinach. psi

Peter Willimann, City, Reinach. psi

Peter Willimann führt mit seiner Schwester Marlis Rüssli in zweiter Generation das Restaurant-Café City (1955) im Herzen Reinachs. Er hat die Veränderungen in der Gastronomie im Oberwynental hautnah erlebt.

Herr Willimann, der «Schneggen» ist zu. Ist das Wirten in Reinach ein Problem?

Peter Willimann: Die Situation ist in den letzten zehn Jahren viel schwieriger geworden. Der Kuchen ist immer noch gleich gross. Aber mit den vielen neuen Anbietern sind die Stücke für jeden kleiner geworden.

Das heisst, in Reinach hat es zu viele Gastro-Betriebe?

Das ist sicher so. 27 Betriebe sind viel. Viele Kleinbetriebe bieten als Take-away Fastfood-Produkte an, und die Grossverteiler betreiben auch Restaurants, und dazu gesellen sich noch diverse Privatklubs, die vor allem die ausländische Bevölkerung ansprechen.

Ist das Überangebot Grund genug, dass ein Betrieb aufgeben muss?

Nein. Von Bedeutung ist auch, dass sich das Essverhalten der Menschen im Dorf geändert hat. Die jungen Menschen ernähren sich anders. Sie trinken unterwegs aus Büchsen und geniessen Fastfood-Produkte, sie besuchen weniger Restaurants.

Haben wir es mit einem Kulturwandel zu tun?

Die Esskultur ist im Alltag verschwunden. Junge Leute kennen die traditionellen Menüs gar nicht mehr. Viele essen kein Gemüse, Fleisch und keinePommes frites genügen. Verpflegen en passant ist in, diese Leute gehen nicht in ein Restaurant. Viele holen sich etwas auf der Strasse und essen am Arbeitsplatz.

Viele Wirte äussern, das Rauchverbot wirke sich stark aus.

In unserem Betrieb haben wir seit dem Verbot 40 Prozent weniger Umsatz. Die Raucher kommen nicht mehr am Abend, da bleiben viele Plätze leer.

Wie ist es mit der Laufkundschaft?

Am Abend ist das Dorf leer, da geschieht nicht viel. Deshalb ist es richtig, den Ortskern zu stärken, wie an einer Info-Veranstaltung letzte Woche zu vernehmen war.

Sie sind seit 1982 im City aktiv, weshalb haben Sie überlebt?

Es funktioniert nur, weil meine Schwester und ich, wie schon unsere Eltern, als Wirtefamilie zusammen- arbeiten, 15 Stunden täglich, 6 Tage pro Woche. Und dann habe ich einen gewissen Stolz, diesen Betrieb auch durch schwierige Zeiten zu führen.

War es früher viel besser?

Wir dürfen nicht den früheren Zeiten nachtrauern, wir müssen vorwärtsblicken. Früher waren unsere Musik- und Tanzveranstaltungen gut besucht, dieses Angebot zieht heute nicht mehr gleich. Vieles ist anders.

Was wäre für Sie wichtig heute?

Gleich lange Spiesse für alle bei der Mehrwertsteuer, für Beizen und Take-aways, gleiche Bedingungen für alle beim Rauchverbot und möglichst viel Leben im Dorfzentrum.

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