Sich freiwillig irgendwo einschliessen lassen, wer will das schon? Das erinnert doch ein bisschen an ein Gefängnis. Und dort wollen wir alle nicht hin. Für die Fotografin und mich wurde die Buchhandlung Aleph & Tau in Schöftland zum Gefängnis. Drei Stunden lang waren wir dort eingeschlossen. Hatten den Laden ganz für uns allein, konnten in den Büchern stöbern und lesen und alles genau unter die Lupe nehmen.

Im Aleph & Tau lassen sich die Leute gerne freiwillig einschliessen. Das Team um Geschäftsführerin Susan Müller hatte diese Idee vor rund zwei Jahren: «Es gab immer wieder gestresste Mütter, die gerne einmal ohne die Kinder in aller Ruhe durch die Bücher stöbern wollten.» Daraus sei die Idee entstanden, den Leuten am Abend den Laden für zwei oder drei Stunden zu überlassen. In der heutigen Zeit müsse man den Kunden etwas Spezielles bieten, wenn man als kleine Buchhandlung überleben wolle, erklärt Müller.

Zwischendurch ein Glas Wein

Wir gaben uns dieser Idee also hin und betraten als einzige Kunden um sieben Uhr abends noch den Laden. Eine herzliche Begrüssung, ein kleiner Rundgang und dann hiess es: «Ich wünsch Ihnen eine gute Zeit. In drei Stunden kommt Frau Müller und lässt sie wieder raus.»

Drei Stunden allein in einem Buchladen. Was macht man in dieser Zeit? Damit die Besucher nicht verhungern und verdursten, während sie in den Büchern schmökern, ist im Untergeschoss ein kleiner Snack bereitgestellt. Ein gutes Buch und ein Glas Wein dazu, was will man mehr? Wir beginnen, durch die Bücherreihen zu schlendern. Laut sprechen traut man sich fast nicht, denn bis auf sanfte Musik im Hintergrund ist es sehr still. Man findet da und dort wieder ein Buch, in dem man eine, zwei Seiten liest, man setzt sich wieder hin, trinkt und nascht etwas, entdeckt weiter.

Nicht nur für eifrige Leser

Für uns ist fast klar, dass das nur Personen machen, die gerne lesen. Susan Müller erklärt uns aber, das sei gar nicht der Fall: «Es kommen immer wieder Leute, die nicht so gerne lesen, weil sie es geschenkt bekommen haben und dann auch ausprobieren wollen. Wir finden es schön, wenn wir Nicht-Leser zum Lesen bringen können.» Ebenfalls seien es nicht nur Privatpersonen, die das Angebot von Aleph & Tau nutzen. Auch Lehrerschaften oder kleinere Geschäftsausflüge hätten sie schon bedient. Und bald komme auch ein Turnverein.

Die Kundschaft sei wirklich breit gefächert und nicht nur aus der Umgebung, sondern auch von weiter her, erzählt Müller. Liest man das kleine Gästebuch durch, stellt man fest, dass Geburtstage einer der Hauptbesuchsgründe sind. Als eine kleine Auszeit, beschreiben viele Besucher die Zeit, die sie im Aleph & Tau verbracht haben.

Für Gesprächsstoff ist gesorgt

Müller empfiehlt es Lesern und Nicht-Lesern, Paaren und Singles, Alten und Jungen, und besonders jenen, die sich vielleicht nichts mehr zu sagen haben: «Es entstehen gute Situationen, die Gesprächsstoff liefern.»

Die Kunden würden diese Dienstleistung und das Vertrauen sehr schätzen. Für Susan Müller ist die Philosophie im Aleph & Tau, dass jeder der in ihren Laden kommt, diesen ein bisschen glücklicher wieder verlassen soll: «Man muss es schaffen, die Seele der Menschen zu berühren, denn alles andere ist austauschbar.»