Reinach
Behinderte sagen: «Wir sind gleich. Und anders»

Die Stiftung Lebenshilfe gibt zu ihrem 50. Geburtstag ein Buch heraus. Äusserst behutsam haben sich die Autoren der Welt und dem direkten Umfeld der Menschen, die alle mit einer Beeinträchtigung leben, genähert.

Peter Siegrist
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Stolz präsentiert Moritz Setz das Buch mit seinem Bild. Peter Siegrist

Stolz präsentiert Moritz Setz das Buch mit seinem Bild. Peter Siegrist

Aargauer Zeitung

Moritz Setz unterbricht seine Arbeit für einen kurzen Fototermin gern. Zu Recht, sein Konterfei ziert ja auch das Umschlagbild des neuen Buchs. «Unterwegs zur sozialen beruflichen Integration», so der Untertitel des Buches. Das Buch bringt jedoch mehr als einen Einblick in die Geschichte der Stiftung, die dieses Jahr 50-Jahr-Jubiläum feiert.

Eine kluge Mischung mit Beiträgen verschiedener Autoren aus Politik, Pädagogik und Sozialversicherung gewährt einen vertieften Einblick in das Umfeld und den Rahmen, in dem sich die Stiftung heute befindet.

Eigentliche Highlights, welche Leserinnen und Leser fesseln, sind die Niederschriften der Gespräche mit Behinderten und Betreuern, die Otto Scherer geführt hat. Als Stiftungsrat hat er die «Lebenshilfe» durch mehrere Bauprojekte geführt, und dabei sowohl Klienten wie Mitarbeitende kennen gelernt.

Einblick ins Fühlen und Denken

Äusserst behutsam hat sich der Interviewer der Welt und dem direkten Umfeld der Menschen, die alle mit einer Beeinträchtigung leben, genähert. Es ist Scherer gelungen, das Vertrauen der Klienten zu gewinnen. Die Männer und Frauen haben sich geöffnet und erzählt. Sie lassen damit die Leser an ihrer Welt, an ihren Wahrnehmungen und Träumen teilhaben.

So stellt sich bei der Lektüre bald die Frage, wie gross ist die Distanz zur Welt der Menschen, die von unseren Normvorstellungen abweichen. Wo fängt das Anderssein an?

Scherer hat es geschafft, selbst mit Klienten Gespräche zu führen, die schlecht kommunizieren können; gelegentlich halfen die Betreuer mit. Schlimm sei es gewesen, erzählt ein Mann, immer zu hören: «Das kannst du nicht», statt «probier mal». Dabei arbeite er heute in einem Betrieb.

Eindrücklicher Erfahrungsbericht

Eindrücklich ist der Erfahrungsbericht einer Mutter. «Unser Kind ist geistig und körperlich schwerstbehindert», erzählt sie, «aber unsere heute erwachsene Tochter ist ein Sonnenschein, und wir sind froh, dass sie in der ‹Lebenshilfe› einen Wohnplatz gefunden hat.»

Da Scherer ebenfalls Betreuende und die Leiterin der Druckwerkstätte sowie den Geschäftsleiter Martin Spielmann eingebunden hat, ist ein Gesamtbild entstanden. Der Titel des Buches: «Wir sind gleich. Und anders» trägt die zentrale Aussage und zeigt, wohin die Integration von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft führen soll. Eindrücklich liest sich da das Bekenntnis des Unternehmers Matthias Furrer, der sagt, in einem mittelgrossen Unternehmen könnten gut zwei bis drei Menschen mit einer Behinderung mitarbeiten.

Es ist den Herausgebern gelungen, mit dem nötigen Respekt Nähe und Echtheit des Lebens ihrer Klienten zu zeigen. Einen wichtigen Beitrag dazu hat der Aarauer Fotograf Jiri Vurma mit seinen hervorragenden Bildern geleistet.

Buchtipp: Wir sind gleich. Und anders. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich. – Erhältlich im Laden der Stiftung, über www.stiftung-lebenshilfe.ch und im Buchhandel.