Am liebsten würde er ja gar nie aufhören. Gilde-Koch Dieter Roth (70) streicht die Tischdecke vor sich glatt. Im Hintergrund klingelt das Telefon zum x-ten Mal. Handwerker eilen rein und raus. Am Nebentisch lässt sich ein Paar für ein Festessen beraten.

Das «Bad Schwarzenberg» gleicht an diesem Morgen einem Taubenschlag. «Restaurant-Alltag eben.» Dieter Roth nimmts gelassen – nach all dieser Zeit. Über vier Jahrzehnte wirtet er im «Bad Schwarzenberg».

Jetzt tritt er ins zweite Glied zurück. Nächste Woche übergibt er die Geschäftsführung seiner Tochter Fabienne (27) und Schwiegersohn Flavio Böll (29). Deshalb ist heute doch nicht alles ganz so wie sonst. «Die neuen Tischdecken sind noch nicht gekommen», sagt Rita Roth (65) und setzt sich neben ihren Mann, um sogleich wieder aufzuspringen und ans Telefon zu eilen.

Eine Nachfolge zu finden – und erst recht noch eine in der Familie – ist keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen hüben und drüben Restaurants schliessen müssen.

Rita und Dieter Roth sind erleichtert, jetzt mit einem guten Gefühl kürzertreten zu können. Wenn sies denn können. «Wir sind immer noch da», sagt Dieter Roth. «Aber wir werden mindestens einen Tag in der Woche freinehmen.» Er hebt den Mahnfinger und zwinkert seiner Frau zu, die inzwischen wieder Platz genommen hat. «Ohne sie wäre das alles nie möglich gewesen», sagt er anerkennend. «Wirten kann man nur, wenn man zu zweit harmoniert.»

Seit 1980 ist Rita Roth (damals hiess sie noch Prieth) mit im Betrieb. Die gebürtige Südtirolerin kam der Arbeit wegen – als Serviertochter. Und blieb. 1987 haben die beiden geheiratet und sind seither ein gutes Team.

«Die Jungen haben andere Ansichten»

Dass eines der beiden Kinder weitermacht, erachten die Roths als Glücksfall. «Man kanns nur vorleben, erzwingen kann man nichts», sagt Dieter Roth. «Höchstens fördern.» Töchterchen Fabienne hatte schon früh Freude an der Arbeit in der Küche. «Als sie in der fünften Klasse war, haben wir zusammen ein Bankett gemacht. Sie hat alle Salate angerichtet.»

Der Vater ist stolz. Dass seine Tochter als ausgebildete Köchin und Hotelière den heimischen Gasthof einem feudalen Hotel vorzieht, empfindet er als «Auszeichnung», wie er sagt. Natürlich werde er weiterhin mit Hand anlegen. Wie bis anhin werde er das Fleisch und die Saucen machen. «Aber es wird einiges anders werden nächste Woche», sagt er lachend und runzelt die Stirn. «Die Jungen haben andere Ansichten. Und das ist gut so.»

Auch er ist in einem Restaurant gross geworden. Seinen Eltern gehörte die «Braui» in Buchs, die sie bis 1964 führten. Nach seiner Kochlehre (im Zunfthaus zur Zimmerläuten, Zürich) und einer Zeit der Lehr- und Wanderjahre führte Dieter Roth als 22-Jähriger die «Braui» selber für anderthalb Jahre. Am 1. November 1973 übernahm er schliesslich als Pächter das «Bad Schwarzenberg». 1990 konnten er und seine Frau die Liegenschaft erwerben. Inklusive Mineralquellen.

Mineralwasser als Werbeträger

Für ältere Leute hat das «Bad Schwarzenberg» einen klingenden Namen – nicht nur wegen des guten Essens. Über Jahrzehnte wurde im Kantonsspital Aarau den Patienten Schwarzenberger Mineralwasser ausgeschenkt. Das Wasser stammt aus den Quellen hinter dem Haus, aufgetan von Goldgräbern anno 1640 – das erzählt man sich jedenfalls im Dorf.

Seit 1990 wird kein Schwarzenberger Mineralwasser mehr abgefüllt. In jenem Jahr ging die Brauerei Hochdorf, die das Wasser seit 1973 nutzte, an die Feldschlösschen über. Der Grosskonzern hatte kein Interesse mehr an einer Vermarktung. So kam nicht nur die Liegenschaft Bad Schwarzenberg, sondern auch die Quellen in den Besitz der Familie Roth. Auch wenn es nicht mehr abgefüllt wird, kommen die Gäste nach wie vor in den Genuss.

Das «Stille» holt Roth frisch aus dem Reservoir nebenan. «Es ist einfach besser, wenn es nicht zuerst durch die Leitungen gepumpt wird», so der Wirt. Für das Blöterliwasser, das im Keller des Gasthofs mit Kohlensäure versetzt wird, spiele das keine Rolle.

Auch wenn es schon lange nicht mehr auf dem Markt ist, vom Werbeeffekt des Schwarzenberger Mineralwassers konnten die Roths dennoch profitieren. «Viele Leute, die das Wasser vom Spital her kannten, haben uns später besucht, um zu sehen, wo es herkommt», sagt Rita Roth. «Manche sind zu Stammgästen geworden.»

Das Restaurant läuft. Auch die sieben Hotelzimmer seien recht gut belegt. Touristen steigen im «Bad Schwarzenberg» selten ab. Meist seien es Geschäftsleute der Betriebe in der Region. «Viele kommen wieder.» Dieter Roth schaut positiv in die Zukunft. Die Jungmannschaft werde nicht nur die Geschäftsführung, sondern auch die Liegenschaft übernehmen – und auch wieder investieren.