«Ich habe Rache gesucht», gibt die Ex-Freundin Amira (24) des Bodybuilders Martin (30, Namen von der Redaktion geändert) heute zu. Knapp zwei Monate waren die beiden ein Paar. Über drei Monate sass er deswegen in U-Haft. Zweimal hintereinander.

Auslöser dafür waren die Beschuldigungen seiner Ex, mit der Martin nach Beendigung der Liebesbeziehung eine Sex-Beziehung unterhielt. Die Ex-Freundin hat schwarzes langes Haar, Schlauchboot-Lippen, eine zierliche Figur.

Sie stammt aus dem Nahen Osten. Amira meldete der Polizei im Mai 2015, Martin habe ihr nach einem Streit die Faust ins Gesicht geschlagen. Später kamen Würgen, Todesdrohung und Vergewaltigung dazu. Einen Grossteil ihrer Aussagen zog die Ex-Freundin dann wieder zurück. Sie gab zu, dass sie Martin nur schaden wollte.

Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm verurteilte Amira wegen falscher Anschuldigung und Anstiftung zu falscher Zeugenaussage zu einer Busse von 1100 Franken und einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen.

Beziehung mit Folgen

Die Verfahren gegen ihr Opfer, den Bodybuilder Martin, dauerte wesentlich länger. Es gab etliche Verhandlungen vor dem Staatsanwalt. Diese wurden mit einer Ausnahme im Strafbefehlsverfahren abgeschlossen oder eingestellt. Die Ausnahme war nun Gegenstand der Gerichtsverhandlung vor dem Kulmer Einzelrichter.

Der Bodybuilder, der selbst ein Geschäft für Sportlernahrung betreibt, hatte gegen den Strafbefehl wegen versuchter Gefährdung des Lebens und Tätlichkeiten sowie Widerhandlung gegen das Heilmittelgesetz Einsprache erhoben. Und vor Gericht sollte die turbulente Geschichte des Ex-Liebespaars auch auf juristischer Ebene ein Ende finden.

Die verhängnisvolle Nacht

Zur Eskalation kam es in der Nacht vom 28. Mai 2015. Martin wollte seine Wäsche bei seiner Affäre abholen – damals waren sie bereits kein Paar mehr. So stieg der Kraftprotz in sein Auto und fuhr ins Wynental. Dort lebte seine Affäre im gleichen Gebäude wie ihr Chef. Rausgeben wollte sie Martin die Kleider jedoch nicht.

Es kam zum Streit. Martin drohte, er läute bei allen Nachbarn, wenn sie ihm seine Wäsche nicht aushändige. «Das machst du nicht, du Hurensohn», warf Amira dem Bodybuilder an den Kopf. «Sag das nicht», schrie er zurück. «Du hast eine Minute Zeit», drohte er. Sie weigerte sich. Er drückte alle Klingeln – auch diejenige von Amiras Chef. «Deine Mutter ist eine verdammte Nutte», schimpfte Amira. Dann wurde es Martin zu viel.

Hier beginnen zwei verschiedene Versionen des Vorfalls: Laut Amira schlug Martin sie mit der Faust. Würgte sie, drückte sie an die Wand und hob sie hoch. Sie wehrte sich. Dann wurde sie ohnmächtig. Er stürmte in ihre Wohnung, durchwühlte alles und ging ohne Wäsche wieder.

Martin sagte aus, nachdem die Ex seine Mutter dermassen beschimpft hatte, habe er ihr eine Ohrfeige verpasst. «Darauf bin ich nicht stolz, ich schlage keine Frauen.» Amiras Chef kam dazu. Er drohte, er rufe die Polizei, liess es aber bleiben. Zu dritt gingen sie anschliessend in die Wohnung, wo die Wäsche gewaschen und zusammengelegt bereit lag. Martin nahm sie und ging.

Es war Amira, die später die Polizei rief und meldete, ihr Ex hätte sie mit der Faust geschlagen. Am nächsten Tag auf dem Posten sagte sie aus, ihr Ex habe kiloweise Kokain in der Wohnung.

Er habe sie mehrmals zu Sex gegen ihren Willen genötigt und sie mit dem Tod bedroht. Diese Ausführungen und wohl auch die sieben Vorstrafen von Martin, unter anderem Widerhandlungen gegen das Waffen- und das Betäubungsmittelgesetz sowie Sachbeschädigung, führten dazu, dass er in Untersuchungshaft kam. Bis das Zwangsmass-
nahmengericht entschied, ihn nach über einem Monat wieder freizulassen.

Am Maienzug in den Knast

Und dann musste der damals 28-Jährige nochmals ins Gefängnis. 3. Juli 2015: Noch am Tag der Entlassung tauchte Amira am Wohnort von Martin auf. Dieser rief die Polizei und sagte, die Frau, wegen der er in Haft war, lasse ihn nicht in Ruhe.

Er wisse nicht, was er tun müsse. Die Polizei vertröstete Martin: «Melden Sie sich nach dem Maienzug nochmals.» Gleichentags rief Amira die Polizei und sagte aus, Martin bedrohe sie mit dem Tod. Am 4. Juli 2015 landete Martin wieder im Knast. Dort bleibt er den ganzen Sommer, bis Ende August.

«Blind vor Liebe»

Einzelrichter Christian Märki befragte Martin an der Verhandlung als Beschuldigten und Amira als Zeugin. Sie verstrickte sich in ihren Aussagen und relativierte ihre Äusserungen von damals. «Ich war blind vor Liebe.» Eine Woche vor der Verhandlung entschuldigt sie sich via Instagram bei ihrem Verflossenen. Martin sagte vor Gericht: «Es war ein Fehler, mich mit ihr einzulassen.»

Der amtliche Verteidiger des Bodybuilders betonte: «Amira hat einiges unternommen, um dem Beschuldigten zu schaden.» Sie hätte ihn wochenlang gestalkt. Bei seiner Mutter läutete sie Sturm, mitten in der Nacht. An der Türe und am Telefon. Verschmierte den Briefkasten mit Eiern. Amira wollte nicht wahrhaben, dass der Bodybuilder keine Beziehung mehr mit ihr wollte.

Die Liebesgeschichte kostet eine Stange Geld: Martin wird von allen Anklagepunkten freigesprochen. Die amtliche Verteidigung und die Gerichtsgebühren gehen zulasten der Staatskasse. Für die Tage in U-Haft, die er unschuldig absitzen musste, wird Martin mit 19'000 Franken (200 Franken pro Tag) entschädigt. «Ich hoffe, dass ich in Zukunft in Ruhe gelassen werde», sagt er heute.