In Fussfesseln trat der Beschuldigte vor die fünf Bezirksrichter. Der 40-jährige Mergim (alle Namen geändert) sitzt im Zentralgefängnis Lenzburg in Haft, seit er an jenem Nachmittag im September 2018 wutentbrannt vor der Wohnung seiner von ihm getrennt lebenden Frau aufgetaucht ist.

«Mach auf, ich bringe euch alle um», soll Mergim gemäss seiner Frau Sara gerufen haben. Dies sagte sie während des Beweisverfahrens vor Gericht. Drinnen waren sie, ihre Schwester deren Partner und drei Kinder.

Aus heiterem Himmel war es nicht zu dieser Szene gekommen. Wie Sara vor Gericht aussagte, hatte Mergim ihr gegenüber schon vorher Drohungen ausgestossen. Hätten sie gestritten, was im Laufe der 14-jährigen Ehe immer öfter vorgekommen sei, habe er ihr Sachen wie «du dreckige Schlampe, ich bringe dich um» oder «ich werde deinem Vater den Kopf abschneiden» an den Kopf geworfen.

Auch geschlagen habe Mergim sie, sagte Sara aus. Einmal sogar an ihrem Arbeitsplatz, wo er ganz unverhofft aufgetaucht war. Entsprechend lang war die Liste an Vergehen, zu denen erst Mergim, dann Sara (die beide aus dem Balkangebiet stammen) vom Gericht befragt wurden: Sie reichte von Beschimpfung über Drohung und Nötigung bis zu einfacher Körperverletzung.

Mergim, der während der Befragung entspannt wirkte und sich in seinen Stuhl zurücklehnte, sah die Sache anders. «Es stimmt nicht alles, was sie gesagt hat», sagte er zum Vorwurf der Körperverletzung. Wie er sich denn ihre Aussage erkläre, so Gerichtspräsident Christian Märki, nach Faustschlägen gegen die Brust Schmerzen beim Atmen gehabt zu haben. «Sie war nervös, weil sie dachte, ich hätte Streit mit ihrem Neffen. Deshalb konnte sie nicht gut atmen. Aber ich hab sie nur ein bisschen mit den Händen zurückgestossen.»

Rage aus Eifersucht

Aus Saras Mund klangen die Ereignisse weit weniger harmlos. Sie habe unter Mergims Eifersucht gelitten. Er habe Kontrollanrufe gemacht und sie als «dreckige Schlampe» beschimpft. Selbst in ihrem Schwager habe er einen potenziellen «Lover» gesehen. Seine Wutanfälle hätten angefangen, seit er unter Depressionen leide. Er habe aber trotz ihrem Anraten nicht zur Therapie gehen wollen. Nach der Trennung erhielt Mergim gar ein Hausverbot für Saras Wohnung.

Und dann kam dieser Tag, an dem Saras Schwester und Schwager zu Besuch kamen. Als Mergim zornig vor der Wohnung erschien, sei sie in sein Auto gestiegen, um ihn zu beruhigen, so Sara. «Ich wollte nicht, dass sein Sohn ihn so sieht.» Im Auto habe er die Klinge seines Taschenmessers ausgeklappt und gesagt: «Ich werde alle mit dem Messer umbringen. Dann werde ich mich auch umbringen.» Sara lief in die Wohnung zurück, worauf Mergim abwechselnd an die Tür und die Fenster hämmerte. Dann, sagte Sara aus, zeigte er durchs Fenster auf Schwester und Schwager und deutete mit seinem Finger einen Kehlenschnitt an. «Es war wie im Horrorfilm», sagte Sara.

Noch konnte das Bezirksgericht kein Urteil fällen. Erst muss die Ärztin befragt werden, die das psychologische Gutachten erstellt hatte. Es wurde vergessen, sie vorzuladen. Gemäss Anklageschrift fordert Staatsanwältin Céline Vonaesch zehn Jahre Landesverweis. Die geforderte Strafe ist erst nach Abschluss des Beweisverfahrens zu erwarten.