Muhen
Aus dem Truck in die Küche: LKW-Fahrer, Unternehmer und ein IT-Leiter treffen sich zum Fünfgänger

Seit zehn Jahren treffen sich gleichgesinnte Hobbyköche etwa zehn Mal im Jahr und bereiten köstliche Mehrgänger zu. Ein Sternekoch muss bei der Müheler Hatari Chuchi aber niemand sein.

Michael Küng
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Markus Meier (l.) und Andreas Zeindler weisen zwei interessierte Neulinge in die Geheimnisse ihres Kochvereins ein.

Markus Meier (l.) und Andreas Zeindler weisen zwei interessierte Neulinge in die Geheimnisse ihres Kochvereins ein.

Michael Küng

Wenn es in Muhen eindunkelt, fahren vor der Turnhalle erschöpfte Gesichter vor und wuseln durch die schwere Doppeltür ins Warme. In dicke Wintermäntel gepackt und wuchtige Sporttaschen geschultert lassen die Sportler kaum Platz für Andreas Zeindler (48). Einmal im Monat balanciert er kistenweise Kochutensilien an den Sportlern vorbei in die obere Etage. Dort, direkt über den Turnhallen sind die Räume der Kochschule von Muhens Oberstufe eingerichtet.

Seit 2008 kocht Zeindler etwa zehn Mal im Jahr mit gleichgesinnten Hobbyköchen, neuerdings darf er dazu die Räume der Kochschule benützen. Er und seine Kollegen bilden zusammen die Müheler Hatari Chuchi, eine Gruppe des Schweizer Klubs kochender Männer. Seit der Gründung vor zehn Jahren sind etwa zehn bis fünfzehn Männer gekommen und gegangen, die Fluktuation ist klein, die meisten bleiben über mehrere Jahre dabei. Es gefällt in der kleinen lockeren Runde.

Klub kochender Männer: 160 Köche in 17 Gruppen

Im ganzen Kanton sind über 160 Hobbyköche in 17 Kochgruppen des Schweizer Klubs kochender Männer organisiert. Die einzelnen Gruppen haben grosse Freiheiten und richten sich bei der Rezeptwahl und anderem so ein, wie es ihnen am besten gefällt. Andreas Zeindler der Müheler Gruppe ist Co-Präsident der Aargauer Hobbyköche und gehört dem Vorstand des Schweizer Klubs kochender Männer an. (MIK)

Im Schnitt zählt der Verein etwa zehn Mitglieder, im Moment läuft es etwas weniger gut, sie sind aktuell zu fünft. Zwei Interessierte kochen an diesem kalten Abend mit, erst kurz vor Mitternacht werden sich beide Verabschieden: «Bis zum nächsten Mal!»

Die sieben Männer starten mit einem Avocado-Aufstrich mit Wasabi auf Toast zur Vorspeise, dazu ein Glas Weisswein.

Ein Teilnehmer Anfang 40 erzählt aus seinem Beruf, er hat sich gerade mit seinem Schwiegervater zusammengetan. Gemeinsam sind sie mit zehn Fahrzeugen um Möbeltransporte in der ganzen Schweiz besorgt. «Hat es noch Weisswein?», fragt er. Es hat.

Zur Vorspeise gibt es eine Orangensuppe mit einem kandierten Orangenjulienne, garniert mit Pistazien und Pinienkernen.

Bei der Arbeit entstanden

Gegründet hat Andreas Zeindler den Verein mit Markus Meier (56). Kennen gelernt haben sie sich bei der Arbeit. Als Meiers Vorgesetzter hat ihn Zeindler als Leiter einer IT-Abteilung damit beauftragt, ein Konzept für ein gelegentliches Kochen unter Mitarbeitern zu entwickeln. Andreas Zeindler legt den Löffel ab. «Als ich mich nach ein paar Tagen nach dem Fortschritt erkundigen wollte, war von dem Konzept weit und breit nichts zu sehen. Markus Meier und ein Mitarbeiter hatten die Zeit lieber damit verbracht, sich über das Kochen zu unterhalten.»

Ein paar Stunden später war das Konzept immer noch nicht weiter, dafür die Diskussionsrunde um eine Person grösser: Der Chef hatte sich mit eingeklinkt. «Da haben Markus und ich uns gesagt: Lass uns doch etwas eigenes auf die Beine stellen.»

So kochen sie nun einmal im Monat mit Gleichgesinnten verschiedenste Mehrgänger. Jedes Mal bereitet ein anderes Mitglied den Abend vor und besorgt alle Zutaten. Interessierte dürfen umsonst einen Abend lang mittun, danach kostet das Kochen 60 Franken pro Essen. 40 Franken fliessen in Speis und Trank, der Rest in alles Übrige. Gelegentlich besucht der Klub mit einer Kräuterexpertin Wiesen in der Umgebung, mit dem Pilzexperten einen Wald oder mit einem Sommelier das Restaurant Eichberg.

Der erste Hauptgang an diesem Abend ist ein Risotto mit frischen Waldpilzen, Totentrompeten, Madeirawein und Champagner, dazu ein Glas Rotwein.

Wird die Vereinskasse zu gross, korrigiert sie der Klub mithilfe eines längeren Ausflugs nach unten. Letztes Jahr ging es mit dem Reisecamper auf Weingüter in Italien. Möglich ist das, weil die Hobbyköche die Vereinskasse ein bis zweimal im Jahr mit dem Bekochen des Jugendfests oder des Turnerabends in Muhen aufbessern, bis zu tausend Portionen gehen da an einem Tag über den Tresen. «Bei so grossen Anlässen hat jeder von uns einen fixen Auftrag, damit alles wie am Schnürchen läuft», sagt der ehemalige Militär-Koch Markus Meier.

Auch eine Kontrolle vom Lebensmittelkontrolleur haben sie schon überstanden, problemlos mit Bestnote. «Einziger Makel war, dass wir den Wasserhahn in der Küche noch mit ‹Trinkwasser› hätten beschriften können», schmunzelt Markus Meier.

Beim heutigen Essen folgen Geflügelbrüstchen mit Kräutern an einer Weissweinsauce mit Lauchbeilage.

Keine Spitzenköche

An den Kochabenden geht es bedeutend lockerer zu als bei Grossanlässen: «Es soll ja auch Spass machen, gesellig sein und die Lust wecken, Neues nach Hause zu bringen», sagt Zeindler. «Haben wir wie heute Interessierte hier, die reinschnuppern, kochen wir gern etwas einfacher. Niemand soll das Gefühl haben, dass man Sternekoch sein muss, um bei uns mittun zu können, denn so ist das nicht. Ich selbst konnte zu Beginn nicht viel mehr als Spaghetti Bolognese.»

Wobei: Einmal hätten Sie einen gehabt, der nicht einmal Wasser aufkochen konnte. «Das war dann doch etwas zu viel, die Fallhöhe zum Koch einfach zu hoch, das hat dann zu Reibereien geführt.» Einen gelernten Koch hat die Gruppe nämlich auch, «unser grosses Glück», wie Markus Meier sagt.

Thomas Gredig, Mitte fünfzig, zieht für die Arbeit von Küche zu Küche, er arbeitet temporär: «Die, die ich will, die wollen mich nicht mehr, und die, die mich wollen, die will ich nicht mehr», sagt er und zuckt mit den Schultern. Es gefällt ihm auch so ganz gut. «Wir brauchen dich», winkt Markus Meier: «Wie geht das mit dem Sabayon?»

Es gehört zum Dessert: Passionsfrucht und Banane mit einem Vanille-Sabayon, garniert mit Granatapfelkernen.

Andere Kochgruppen seien ziemlich streng organisiert und stets auf der Suche nach Perfektion. «Das trifft bei uns überhaupt nicht zu, hier darf auch mal etwas schiefgehen», sagt Andreas Zeindler. Der Gruppe unvergessen bleibt der Abend, als Zeindler einen Fünfgänger organisierte und der Gruppe für jedes einzelne Gericht Nüsse präsentierte, und zwar reichlich.

«Noch heute muss ich mir deswegen Sprüche anhören», sagt er und gibt die Geschichte gleich selbst noch einmal zum Besten: «Ich habe es beim Planen einfach nicht gemerkt», sagt er. Die Gruppe lacht, die Sprüche lassen nicht auf sich warten. Andreas Zeindler geniesst es.