Das Tor zur Vergangenheit steht in Kölliken, nur ein paar Schritte vom Dorfmuseum entfernt. Wer durch den Blumenbogen des Museumsgartens tritt, reist 200 Jahre zurück, wandelt zwischen Lavendelbordüren auf einem Pfad, der in Form eines Kreuzgangs um Beete mit Kräutern und Gemüse angelegt ist.

Es ist das Reich von Urs Imhof. Der 50-Jährige steht hinten am Holzzaun in kurzer Hose, Hemd und Sandalen. In der einen Hand eine Hacke, in der anderen eine uralte, metallene Spritzkanne. «Die ist aber ziemlich schwer, deshalb verwende ich zum Giessen meistens diejenige aus Plastik», sagt er und fügt mit Augenzwinkern an: «So gerät eben ab und zu ein Gegenstand in den Garten, der nicht historisch korrekt ist.»

Die Apotheke im Garten

Seit vergangenem Jahr hat Imhof das Freiwilligenamt des Museumsgärtners inne. Unter ihm ist das eingezäunte Viereck wieder zu einem historischen Bauerngarten geworden. Kartoffeln, Zwiebeln, Bohnen: Zutaten, aus denen um 1800 das tägliche Mahl gemacht wurde, wachsen in einem der Beete. «Zwiebeln waren wegen ihres Vitamins C früher elementar», sagt Imhof. Daneben hat er Heilkräuter gesetzt, vor 200 Jahren dienten diese als nächste verfügbare Apotheke. Brandkraut gegen Verbrennungen, Gilbweiderich gegen Grippe, Königskerzen gegen den Krätze-Parasiten, «einer der Fieslinge jener Zeit».

Urs Imhof, Museums-Gärtner

Urs Imhof, Museums-Gärtner

Urs Imhof ist zuständig für den Bauerngarten im Dorfmuseum Kölliken. 

So wie der Museumsgarten könnte der Gemüse- und Kräutergarten wohlhabender Bauern wie der Sauzmes ausgesehen haben, die im 19. Jahrhundert das Strohdachhaus bewohnten. Der Garten im barocken Stil war Designobjekt und Aushängeschild. Der Pfad um die Beete in der Form eines Kreuzgangs sollte an einen eleganten Kloster- oder Schlossgarten erinnern. Zudem konnten sie es sich leisten, nicht nur Essbares zu kultivieren, sondern auch Zierpflanzen.

Zurück zum Bauerngarten

Mit der Gestaltung eines Bauerngartens nimmt Imhof die ursprüngliche Idee des Museumsgartens als historischer Garten wieder auf. Angelegt wurde dieser 1991 vom Gartenliebhaber und Umweltschützer Ruedi Lüthi. Seither hatten verschiedene Personen das Freiwilligenamt inne, die die Grünanlage jeweils nach ihren Ideen anlegten.

Am Sonntag wird Imhof erstmals den Garten fürs Publikum öffnen und Neugierigen über seine Pflanzen aus vergangenen Jahrhunderten Auskunft geben. Dies im Rahmen der nationalen Tage der offenen Gärten, die an diesem Wochenende zum achten Mal stattfinden. Menschen aus der ganzen Schweiz öffnen an diesen Tagen ihre Privatgärten für Besucher. Als Mitglied von Bioterra, einer der Trägerorganisationen der Veranstaltung, ist Imhof sozusagen an vorderster Front dabei.

Die Faszination fürs Gärtnern sei wohl vom Grossvater gekommen, sagt Imhof. «Er hat als Bauer biologisch angebaut. Dies nicht in erster Linie aus dem Umweltgedanken, sondern, weil ihm die chemischen Mittel zu teuer waren.»

Milch statt Pflanzen

Vom Grossvater angesteckt, machte Imhof den Elterngarten im basellandschaftlichen Itingen zu seinem Experimentierfeld. «Die Eltern waren froh, dass sie nicht viel mit dem Garten zu tun hatten und liessen mir freie Hand», so Imhof. Zum Beruf machte er den Garten allerdings nicht. Imhof lernte Molkerist, etwas, das sich «halt einfach ergeben» hatte. Der Bio-Gedanke begleitete ihn aber auch dort: «Diesem giftigem Zeug hab ich nie getraut. In der Käser-Ausbildung haben wir zur Rahmherstellung Stabilisatorsalze der Giftklasse drei benutzt, um die Kaffeerähmli haltbar zu machen. Ich sehe nicht ein, weshalb ein Rähmli zwölf Wochen haltbar sein muss.»

Lohn in Kartoffeln

Nach Kölliken brachte Imhof vor 20 Jahren die Liebe in der Person von Andrea-Carlo Polesello, der heute Präsident der Museumskommission Kölliken ist. Als die letzten Gartenbetreuter – eine Familie – den Museumsgarten verliessen, dachte die Kommission schnell an den Wahl-Kölliker mit grünem Daumen. Heute ist Imhof Hausmann, widmet sich vollständig dem Gärtnern. Neben dem Museumsgarten pflegt er denjenigen ums eigene Haus. Viel Platz nimmt dort seine zweite Liebe, die Pfingstrose, ein. Diese verehrt er seit der Zeit in Grossvaters Beeten: «Es sind Blumen, die alle anderen überstrahlen.»

Geld bekommt ein Strohdachhaus-Gärtner keines. Sein Wirken im Bauerngarten sieht Imhof denn auch eher als Hobby. Der Lohn besteht aus der Freude, ein Stück Geschichte zu kultivieren. Alten, aus unseren Küchen vielleicht schon verstossenen Kräutern und Gemüsen wieder einen Platz zu geben. Etwa alten Bohnensorten «mit solch drahtigen Fäden, dass man sie kaum essen kann».

Der andere Teil des Lohns ist die Ernte, deren Grossteil bei Imhof und Polesello etwa in Form von Kartoffelstock auf den Tisch kommt. Das Vitamin C der Bauerngarten-Zwiebeln gibts gratis dazu.