Kölliken
Auf Spurensuche in einem gespaltenen Dorf

Kein Gebäude ist unter kommunalem Schutz in der Gemeinde – schutzlos sind die Zeitzeugen deswegen aber nicht. Rudolf Lüthi hat sich die Häuser unter den Arm geklemmt. Häuser, die nur noch auf Fotos existieren. Sie sind verschwunden.

Aline Wüst (Text Und Fotos)
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Peter Diem und Rudolf Lüthi vor dem bekannten Kölliker Strohdachhaus
8 Bilder
Hier stand früher auch ein Strohdachhaus
Hier stand einst das Restaurant "Birke" - heute erinnert nur noch eine junge Birke daran
Auf Spurensuche nach verschwundenen Kölliker Charakterbauten
Früher "Rattenvilla" heute Raiffeisenbank
Altes und neues Kirchgemeindehaus
Villa Breitenegg - die Ortsbürger würden die Villa gerne abreissen.
Der Park der Villa Breitenegg

Peter Diem und Rudolf Lüthi vor dem bekannten Kölliker Strohdachhaus

Aargauer Zeitung

Rudolf Lüthi (65) und Peter Diem (84) sind beide vom Kölliker Umweltforum. Sie setzen sich ein für den Erhalt von alten Häusern. Denn: «Sind diese weg, verschwindet auch ein Teil unserer Heimat», ist Diem überzeugt. Ein Teil dieser Heimat ist bereits verschwunden. Auf den Spuren dieser verschwundenen Bauten spazierten wir gestern durchs Dorf.

Es ist bitterkalt und eine grosse Dampfwolke entsteht bei jedem Wort, das Lüthi und Diem sagen. Was sie sagen, ist aber alles andere als heisse Luft. «Es gibt überall zunehmend charmelose Häuser», sagt Lüthi. Er zieht sich die Wollmütze tiefer ins Gesicht und fügt an, «die Charakterbauten von früher, die Kölliken auszeichnen, verschwinden.» Ihre Befürchtung: «Irgendwann fährt man durchs Dorf und es sieht aus, wie jedes andere auch.»

Kölliken ist gespalten

Der Erhalt von alten Gebäuden ist in Kölliken ein heikles Thema. Einige im Dorf kämpfen erbittert für ihren Erhalt, andere würde am liebsten alles Alte abreissen.

Der jüngste Streit entfachte sich um die Villa Breitenegg mit ihrem grossen Park. Besitzer sind die Ortsbürger. Sie wollen die Villa abreissen und dort Alterswohnungen bauen. Nun hat sich die kantonale Denkmalpflege eingeschaltet. Sie befand die Villa als schützenswert. Diem und Lüthi hoffen, dass der Kanton sich durchsetzt und die Villa erhalten bleibt. «Für Alterswohnungen hat es genug Platz zwischen SBB-Geleisen und Altersheim», findet Diem.

Auf Spurensuche nach verschwundenen Zeitzeugen des Dorfes muss man vom Gemeindehaus aus nicht weit gehen. Lüthi und Diem zeigen nach rechts und links – überall erinnern sie sich an Häuser, die nicht mehr stehen. «Ein ganz besonderes Trafohäuschen stand am Rand des heutigen Dorfplatzes. Es wurde abgerissen. Einfach so», erzählt Lüthi. Dabei sei es ein Beispiel für herausragendes Kunsthandwerk gewesen. Es ist weg. Weg ist auch die so genannte Rattenvilla, wo heute die Raiffeisenbank steht. Verschwunden ist auch das Restaurant Birke, gleich neben dem Coop. Unter Lüthis Arm klemmen noch Dutzende andere Häuser, die es nicht mehr gibt. Der Verlust der einen schmerze – bei anderen schmerze eher, was danach dort entstanden sei, sagt Lüthi. «Schuhschachtel mit schwarzen Löchern», umschreibt Diem die modernen Blöcke auf die Lüthi anspielt.

Lüthi und Diem stehen auf dem Platz vor dem Coop. Ihre Augen tränen vor Kälte. Vor ihrem inneren Auge sehen sie wohl, wie es hier früher aussah, und vergleichen es automatisch mit dem, was heute ist. «Wenigstens steht das Strohdachhaus noch», sagt Lüthi. Darin ist heute das Dorfmuseum untergebracht. Der ehemalige Bezirksschullehrer Diem war 20 Jahre dessen Präsident. Lüthi inventarisiert momentan die Fotos aus früheren Zeiten.

Fantasie fehlt

Man kann sagen es ist der Lauf der Zeit, dass alte Häuser verschwinden und neue gebaut werden. Man könnte den beiden Männern vorwerfen, sie lebten in der Vergangenheit. Davon wollen sie nichts wissen. Man könne nicht alles erhalten, das sei klar. Sie würden es aber begrüssen, wenn in kreativer Art und Weise Altes mit Neuem verbunden würde. «Dafür fehlt vielen die Fantasie», sagt Lüthi. Ausserdem müsse man für die Nachkommen einen Teil des Schaffens vergangener Generationen erhalten, sagt Diem bestimmt. Es will ja auch niemand die Aarauer Altstadt abreissen. Warum sollen dann in Kölliken die Charakterbauten verschwinden?», fragt Lüthi.

Fakt ist: Heute steht in Kölliken kein einziges Gebäude mehr unter kommunalem Schutz. Vor rund zwanzig Jahren waren es noch über dreissig. Nicht wenige existieren heute nur noch auf den Fotos unter dem Arm von Lüthi.

Schutzlos sind die ungeschützten Häuser aber nicht. «Wir werden weiter für ihren Erhalt kämpfen. Alles andere würde heissen wir resignieren», sagt Diem.