Menziken

Auf offenem Feld geboren und im Bad aufgetaut – das sind Adventsgeschichten einer Hebamme

Elsie Wirz hat über 4000 Kindern auf die Welt geholfen.

Elsie Wirz hat über 4000 Kindern auf die Welt geholfen.

Die Menziker Geburtshelferin Elsie Wirz hat in ihren Memoiren Adventserinnerungen der etwas anderen Art festgehalten.

Es gibt Geschichten, die Generationen überdauern – so eindrücklich, weil sie so nah am eigenen Leben sind. Geschichten, wie sie Elsie Wirz (1889–1967) unzählige selber miterlebt hat. Die Menziker Hebamme hat in ihrer über 50-jährigen Tätigkeit mehr als 4000 Kindern auf die Welt geholfen.

Ihre Geschichten hüten und weitererzählen tut Ruedi Weber, die Menziker nennen ihn «Trolerruedi». Er ist Elsie Wirz’ Enkel und kennt die Geschichten ganz genau. Auch die, die sich in der Adventszeit abspielten. Zu Zeiten, in denen man um Weihnachten noch kein grosses Aufhebens machte. «Und zu Zeiten, in denen auch bei uns noch richtig viel Schnee lag», so Ruedi Weber.

Im Luzernischen gab es viel Kaffee für die Hebamme

Wann diese beiden Geschichten spielen, ist nicht bekannt. Aber es muss irgendwann um 1920 gewesen sein. Elsie Wirz hatte sich bereits über Menzikens Grenzen hinaus einen Namen als Hebamme gemacht. Und so wurde sie jeweils auch in die angrenzenden Dörfer im Luzernischen gerufen – dem katholischen Nachbarkanton.

Katholisch oder reformiert, das spielte damals noch eine Rolle, auch bei Geburten. So schreibt Elsie Wirz in ihren Memoiren, sie habe sich mit den Sitten und Bräuchen im Luzernischen erst vertraut machen müssen. Das Beste: «Kaffee konnte man dort haben, so viel man wollte. Kam man am Morgen zur Wochenpflege, rief die Frau gewiss schon aus dem Bett: ‹Mached der Heband usinnig es guets Kaffee.›»

An einem kalten Winterabend nun bekam Elsie Wirz Bericht von Herrn Doktor Müller, sie solle eine Frau im Grüt holen, den Höfen auf dem Weg von Schwarzenbach hinunter nach Mosen. Doktor Müller könne nicht kommen mit dem Auto, es habe zu viel Schnee, schreibt Elsie Wirz.

Also habe sie sich zu Fuss von Menziken aus auf den Weg gemacht. «Im Grüt packte ich dann die Frau in eine Rossdecke und fort gings auf dem Brügglischlitten. Ich werde nie vergessen, wie traurig es war, als die Mutter von acht Kindern weg ins Spital musste.»

Dazu muss man wissen, dass um 1920 das Spital – damals nannte man es noch Asyl – nicht beliebt war bei den Menschen im Tal, so Ruedi Weber. «Wer konnte, vermied es tunlichst, ins Asyl zu kommen. Zu gross war die Angst vor Infektionen, zu gross die Skepsis vor den Ärzten.»

Sogar der hiesige Dorfarzt selbst habe gesagt: «Werden und Sterben gehört ins eigene Heim.» So stehe es in den Aufzeichnungen seiner Grossmutter, sagt Ruedi Weber. Ausserdem sei ein Asyl kein gastlicher Ort gewesen, die Patienten lagen über Tage und Wochen in kargen Mehrbettzimmern, ohne jede Ablenkung. «Auch Besuch wurde höchstens zwei Mal pro Woche zugelassen.»

Doch zurück zur Geschichte: Es stürmte und schneite und es kam, wie es kommen musste. Der Schlitten versank im Schnee, das Pferd steckte fest. «Der Mann grub das Pferd aus dem Schnee, ich musste hinten stossen und die arme Frau musste das Leitseil halten und mit der Peitsche das Pferd antreiben», schreibt Elsie Wirz.

Rund eine Stunde habe es gedauert, wieder auf die richtige Spur zu kommen. «Ganz durchnässt und durchfroren kamen wir im Asyl an.» Als Elsie Wirz die Frau nach der Geburt fragte, ob sie mitten im Schneesturm nicht Angst gehabt hätte, habe diese nur geantwortet: «Nei, üse Fuchs hed no nie öppis loh stoh!»

Glimpflich ging auch die Geschichte aus, in der eine Frau aus Rickenbach, eingewickelt in eine Pferdedecke, auf dem Weg ins Asyl auf offenem Feld ein Meitli gebar – bei 20 Grad unter null. «Ich wartete im Spital und war in einer schrecklichen Angst. Sie kamen, die Frau weinte sehr, sie glaubte, das Kindlein sei ohne Taufe gestorben.»

Elsie Wirz taute beide auf und badete das kleine Klärli dreimal von 37 auf 40 Grad Celsius, bis es richtig warm war. «Ich höre die Frau heute noch, wie sie dem lieben Gott dankte», schreibt Elsie Wirz und fügt an: «Nur nebenbei, ich habe einige Kinder notgetauft und ihnen damit, nur menschlich gesehen, im Himmel und auf dem Friedhof ein Plätzchen gesichert.»

Was für die werdenden Mütter im Tal ein Segen war, war für die Kinder von Hebamme Elsie manchmal schwer. «Immer habe jemand an die Tür geklopft, an jedem Fest, gar an Weihnachten», erinnert sich Ruedi Weber an die Erzählungen seiner Mutter.

Und immer sei Elsie mit dem Koffer davongerannt. «Dass die Mutter an diesen Festen bei ihrer Familie daheim ist, hat meiner Mutter als Kind sehr gefehlt. Das war leider die Schattenseite der Aufopferung für ihre Frauen und die Neugeborenen; ihre eigenen Kinder kamen oft zu kurz.»

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