Reitnau
Auch wenn viele aufgeben: Dieser Aargauer Bauer glaubt noch an die Milch

Seit drei Jahren ist das Milchhäusschen in Reitnau geschlossen. Nun ist auch die Milchgenossenschaft aufgelöst. Bauer Peter Hochuli macht trotzdem weiter – auch dank der Familie.

Stefanie Suter
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9 von 13 Milchbauern haben in Reitnau in den letzten drei Jahren aufgegeben. Nicht so Peter Hochuli, der mit der Unterstützung der Familie weiterhin Milch produziert. Sandra Ardizzone

9 von 13 Milchbauern haben in Reitnau in den letzten drei Jahren aufgegeben. Nicht so Peter Hochuli, der mit der Unterstützung der Familie weiterhin Milch produziert. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Jetzt ist es offiziell: Die Reitnauer Milchgenossenschaft gibt es nicht mehr. Fast drei Jahre nach der Schliessung der Milchannahmestelle ist die Genossenschaft nun aus dem Handelsregister gelöscht worden.

Von den damals 13 Reitnauer Bauern halten heute nur noch 4 Milchkühe – die anderen haben die Milchwirtschaft aufgegeben. «Für viele lohnt sich der Aufwand nicht mehr», sagt der ehemalige Präsident der Genossenschaft, Hans Ulrich Blatter.

Hans Ulrich Blatter, ehemaliger Präsident der Milchgenossenschaft Reitnau «Für viele Milchbauern lohnt sich der Aufwand nicht mehr.»

Hans Ulrich Blatter, ehemaliger Präsident der Milchgenossenschaft Reitnau «Für viele Milchbauern lohnt sich der Aufwand nicht mehr.»

«Denn der Milchpreis hat sich seit den 1990er-Jahren halbiert.» Ein Blick in die Statistik zeigt: Nicht nur Reitnau ist vom Schwund der Milchbauern betroffen. Im Kanton Aargau hat sich deren Zahl in knapp 15 Jahren auf 904 Milchproduzenten halbiert.

Auch Blatter hat seine 13 Milchkühe verkauft. Er hätte im Stall Platz für rund 20 Tiere. Zu wenig, um kostendeckend zu produzieren. «Die Fremdkosten, zum Beispiel Tierarzt oder Versicherung, stehen in keinem Verhältnis zum Milchpreis», sagt er.

Auch würde der Emmi-Lastwagen nicht bei ihm auf den Hof fahren, um die Milch abzuholen. Denn 13 Kühe liefern weniger als die Mindestmenge von 150 000 Liter Milch pro Jahr.

Deal mit benachbarten Milchbauern

Heute konzentriert sich Hans Ulrich Blatter auf den Ackerbau und geht verschiedenen Nebenjobs nach. «Normal für einen Bauern heutzutage», sagt er.

Deshalb ist das Milchhäusschen zu

Vor drei Jahren hätte die Milchgenossenschaft Reitnau das Kühlsystem im Milchhäuschen ersetzen müssen. Kostenpunkt: rund 60 000 Franken. Zu teuer für die 13 Bauern der Genossenschaft.

Auch weil es heutzutage schwierig sei, mit der Milch Geld zu verdienen, sagt der ehemalige Präsident der Genossenschaft, Hans Ulrich Blatter. Also wurde das Milchhäuschen geschlossen und die Genossenschaft aufgelöst.

Heute sind von den damals 13 Reitnauer Milchbauern nur noch 4 übrig. Von den anderen neun produzierten die meisten weniger als 150 000 Liter Milch pro Jahr. Dies wäre aber die Mindestmenge, damit der Emmi-Lastwagen die Milch direkt vom Hof abholt. (ssu)

Ganz ohne Kühe kommt Blatter nicht aus. Er besitzt noch neun Dexter-Rinder, deren Fleisch er direkt ab Hof verkauft. Und: Er hat eine Lösung gefunden mit dem benachbarten Milchbauern Peter Hochuli. Blatter übernimmt dessen trächtigen Kühe sechs bis acht Wochen, bevor sie kalben.

Ab diesem Zeitpunkt melkt der Bauer die Kühe nicht mehr. Kurz vor der Geburt nimmt Hochuli die Tiere wieder zurück. So kann er den Platz optimal nutzen: Er hat nur Kühe im Stall, die Milch produzieren. Von seinen 42 Kühen sind immer fünf bis sechs bei Blatter.

Doch dies ist nur einer der Gründe, wieso Peter Hochuli weiterhin Milch produziert, während so viele Bauern aufgeben. «Wir haben einen grossen Vorteil: Wir sind ein Familienbetrieb», sagt er. «Alle packen mit an.» Mit «alle» meint er seine Partnerin, seine Eltern und in ihrer Freizeit auch die vier Kinder, die zwischen zehn und sechzehn Jahre alt sind.

So kann er die Kosten verhältnismässig tief halten und mit einem Lieferrecht von 330 000 Liter jährlich genug Milch produzieren, sodass die Familie von der Milchwirtschaft und der Schweinezucht leben kann.

«Hinzu kommt, dass unsere grosse Investition – der Bau des neuen Kuhstalls – schon etwas länger her ist», sagt Hochuli. Damals, vor 15 Jahren, lag der Milchpreis pro Liter rund 20 Rappen höher als heute.

Noch melkt Hochuli selber. Einen Milchroboter, mit dem sich die Kühe selbstständig melken können, hat er nicht. Damit ein solcher Roboter ausgelastet wäre, müsste Peter Hochuli rund 60 Kühe haben.

Dafür fehlt aber der Platz. Also lotst er jeden Morgen um 5.30 Uhr und jeden Abend gegen 17.30 Uhr seine knapp 40 Kühe in den Melkstand und verbindet jede Zitze mit der Melkmaschine. «Das ist eine wichtige Arbeit», sagt Hochuli. So sehe er sofort, wenn etwas mit den Tieren oder der Milch nicht stimme.

Dennoch: Dass in naher oder ferner Zukunft ein Roboter die Arbeit übernehmen könnte, schliesst Hochuli nicht aus. Wenn seine Eltern nicht mehr mithelfen können, braucht er Unterstützung – durch einen Angestellten oder eben durch einen Roboter.

Auf Fleischproduktion umzustellen, kommt für Hochuli nicht infrage. Dafür bräuchte er mehr zusammenhängendes Land. Trotz der Kosten, die auf ihn zukommen werden, steht für Hochuli aber fest: «Die Milchwirtschaft geben wir nicht so schnell auf.»