Schöftland
Anspruchsvoller Stoff szenisch perfekt umgesetzt: Julies Kampf für Frauenrechte

Das Freilichttheater «Julie oder die Gerechtigkeit» erzählt in Schöftland Leben und Wirken der einstigen Rueder Schlossherrin Julie von May, aber auch den Existenzkampf des Volkes.

Sibylle Haltiner
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Julies Kampf für Frauenrechte
4 Bilder
Esther von May (Samira Heimberg) liebt den Rossknecht Baschi (Dave Heimberg), heiratet aber einen von Hallwyl.
Barbara Müller führt als Närrin durchs Stück.
Statisten zeigen ein lebendiges Dorfleben.

Julies Kampf für Frauenrechte

Chris Iseli

Die Weber können von ihrer Heimarbeit nicht mehr leben, weil in der Fabrik billiger produziert wird. Die Fische in der Ruederche gehören der Herrschaft, obwohl die Bauern hungern. Die Schlossherrin muss die Gedanken ihres Gatten zu Papier bringen, obwohl sie Ideen für eine eigene Schrift hat. Und bei der Geburt ihrer Tochter setzt der Schwiegervater die Fahne auf halbmast. «Wo bleibt da die Gerechtigkeit?», fragt Julie von May. Gerechtigkeit zwischen den Ständen, Bauern und Adeligen, Arm und Reich, aber vor allem zwischen den Geschlechtern. Dieses Thema begleitet das Freilichttheater im Schöftler Schlosshof von Anfang bis zum Schluss.

Geschenk zum 111. Geburtstag

Am Freitagabend war Premiere von «Julie oder die Gerechtigkeit». Peter Weingartner hat dieses «Stück Aargauer Geschichte als Freilichttheater über Julie von May von Rued», wie der Untertitel heisst, geschrieben und erzählt dabei viel Historisches, das er mit Bezügen zum aktuellen Zeitgeschehen spickt. Die Inszenierung gestaltete Regisseurin Antonia Riz, die zusammen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern den Text lebendig umsetzt.

Zu seinem 111. Geburtstag hat sich der Gemeinnützige Frauenverein Schöftland gleich selbst beschenkt, und zwar mit einem Freilichttheater. Ein neu gegründeter Verein übernahm die Organisation, als Stoff drängte sich Julie von May geradezu auf. Die Adelige, die einen Teil ihres Lebens auf dem Schloss Rued verbrachte, verfasste 1872 eine Schrift mit dem Titel «Revision der Bundesverfassung», in welcher sie sich für die Rechte der Frauen einsetzte und wirtschaftliche Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern forderte. Peter Weingartner hat in sein Stück Ausschnitte aus der Revision eingebaut, daneben auch das Leben der Adeligen auf dem Schloss Rued beschrieben. Als Gegenstück erscheint das Schlossrueder Volk, dessen Dasein von Arbeitslosigkeit, Überbevölkerung und Hunger geprägt ist.

Weitere Vorstellungen

Mittwoch, 24., Freitag, 26., Samstag, 27. und Mittwoch, 31. August. Freitag, 2., Samstag, 3., Mittwoch, 7. und Freitag, 9. September. Derniere Samstag, 10. September 2016. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20.30 Uhr.

Vorverkauf: Buchhandlung aleph & tau AG, 5040 Schöftland.

Telefon 062 721 28 77

info@alephundtau.ch

Die Regisseurin Antonia Riz hat den anspruchsvollen Stoff szenisch perfekt umgesetzt: Die Adeligen fahren im Zweispänner vor und agieren auf einem Balkon, hoch über dem Volk. Dieses plagt sich mit den Herausforderungen seiner kargen Existenz. Wie sollen alle Mäuler gestopft werden, wenn die Ernte schlecht, weit und breit kein Arbeitsplatz vorhanden ist? Die Schauspielerin Anouk Plattner verkörpert Julie von May und verleiht ihr, unter anderem durch eine aristokratische Aussprache mit französischem Akzent, die erwartete noble Vornehmheit. Alle übrigen Mitwirkenden sind Laien mit Sprechrollen oder Statisten. Eine Närrin fungiert als Erzählerin und stellt immer wieder den Bezug zur Gegenwart her. Die musikalische Live-Begleitung kommt vom Kammerorchester Schöftland unter der Leitung von Peter Klaus.

Antonia Riz erzählt die Geschichte auf mehreren Ebenen. Es lohnt sich für die Zuschauer, neben der Haupthandlung auch auf die Nebenschauplätze zu achten. Ein Bub stiehlt Fische, eine Familie stellt in einer Bauernküche Kräutersalben her. Der Schlosshof in Schöftland bietet das perfekte Ambiente für das Leben rund um das nahe gelegene Schloss Rued, wie es vor gut 150 Jahren stattgefunden haben könnte.