Bezirksgericht Kulm

Angeklagter schwänzt seinen Prozess – nun wird er international gesucht

Weil der Angeklagte nicht auftaucht, wurde die Verhandlung verschoben. (Symbolbild)

Weil der Angeklagte nicht auftaucht, wurde die Verhandlung verschoben. (Symbolbild)

Ein junger Mann soll zahlreiche Delikte begangen haben. Zu seinem Prozess vor dem Bezirksgeicht Kulm kam er allerdings nicht – mit Folgen: Jetzt ist er international zur Haft ausgeschrieben worden.

Die Liste der Vergehen, die dem 31-jährige Hanspeter (Name geändert) zur Last gelegt werden, ist endlos lang: Laut Staatsanwaltschaft überraschte er seine von ihm getrennt lebende Frau frühmorgens in ihrer Wohnung, riss sie aus dem Bett und schlug mehrmals mit der flachen Hand gegen ihren Kopf. Dabei drohte Thomas ihr, er werde sie töten.

Um Arbeitslosengeld zu kassieren, fälschte er Urkunden.

In einer Kontaktbar, die er zusammen mit seiner damaligen Frau führte, beschäftigte er zwei Ungarinnen illegal als Prostituierte. Und: Ganze 16-mal ging er der Polizei ins Netz, als er ohne Führerausweis mit dem Auto unterwegs war – teilweise unter Kokain- und Alkoholeinfluss. Diese Liste liesse sich noch weiterführen.

Am Verhandlungstag am Bezirksgericht in Kulm blieb sein Stuhl vor dem Richter jedoch leer. Die eingeschriebene Vorladung nahm Hanspeter nicht entgegen. Auch auf Anrufe seiner Verteidigerin reagierte er nicht.

Seine Ex-Frau, die als Privatklägerin anwesend war, sagte gegenüber Gerichtspräsident Thomas Müller: «Seine Familie sagte mir, er sei weg. In Deutschland oder Österreich.» Nach einer kurzen Besprechung beschloss das Gericht, Hanspeter international zur Verhaftung auszuschreiben.

Verurteilung trotzdem möglich

Eine Tat nach der anderen begehen, und dann einfach nicht vor dem Richter auftauchen – ist es so einfach, sich zu drücken? «Nein», sagt Gerichtsschreiber Peter Amrein. «Konnte der Angeklagte ordnungsgemäss vorgeladen werden, wird eine zweite Verhandlung angesetzt. Erscheint er auch dort nicht, kann er in Abwesenheit verurteilt werden.»

Dies aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. «Der Beschuldigte musste bereits die Möglichkeit erhalten haben, ausreichend Stellung nehmen zu können», sagt Amrein. Zudem müsse die Beweislage ein Urteil in Abwesenheit zulassen. Beispielsweise, wenn der Beschuldigte alkoholisiert in eine Polizeikontrolle geraten war. «Regelverstösse wie Fahren in fahrunfähigem Zustand oder Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit sind klar dokumentiert.» Dies würde auf die Verkehrsdelikte von Hanspeter zutreffen.

Dennoch: Im Fall von Hanspeter ist eine Verurteilung in Abwesenheit gar nicht möglich – er nahm die eingeschriebene Vorladung nicht entgegen und gilt deshalb als nicht ordnungsgemäss vorgeladen. Da der Verdacht besteht, dass er abgetaucht ist, ist die Chance gering, dass er beim zweiten Versuch ordentlich vorgeladen werden kann.

Deshalb schrieb ihn der Richter direkt zur Verhaftung aus und sistierte das Verfahren. «Wenn der Angeklagte sich im nahen Ausland aufhält, ist es sehr gut möglich, dass er geschnappt wird», sagt Gerichtsschreiber Amrein. Nur schon eine Verkehrskontrolle kann Hanspeter zum Verhängnis werden: Er wird verhaftet und als Schweizer Staatsbürger würden ihn die Behörden mit einem entsprechenden Gesuch höchst wahrscheinlich ausliefern.

Setze er sich weiter weg ab, sei die Chance natürlich geringer. «Auf jeden Fall riskiert er, nie mehr in die Schweiz einreisen zu können», sagt Amrein. Solche Fälle wie jener von Hanspeter seien am Bezirksgericht Kulm aber selten.

Kann die Polizei Hanspeter nicht dingfest machen, verjähren die Taten, die ihm zu Last gelegt werden. Bei der fehlenden Autobahnvignette oder der Geschwindigkeitsübertretung von 2013 wäre dies bereits im nächsten Jahr der Fall. Die einfache Körperverletzung und die Drohung gegenüber seiner Ex-Frau würden 2018 verjähren, die mehrfache Urkundenfälschung und der versuchte Betrug sogar erst 2029.

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