Schöftland
André Sommerhalders Veloladen ist am Ende

Ende September schliesst André Sommerhalder den «Bike- und Rollershop» in Schöftland. Auch er wird Opfer des Velohandel-Sterbens. Sein Vater hatte noch goldige Zeiten erlebt – als Mechaniker von Radlegende Ferdy Kübler.

Flurina Dünki
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André Sommerhalder schliesst sein Velofachgeschäft, das letzte in Schöftland.

André Sommerhalder schliesst sein Velofachgeschäft, das letzte in Schöftland.

Flurina Dünki

Nur noch wenige Velos stehen im «Bike- und Rollershop» von André Sommerhalder. «50 % Rabatt» steht auf einigen vermerkt. Die Räder müssen raus, denn Sommerhalder, der letzte Velohändler in Schöftland, schliesst Ende September.

Noch bis vor wenigen Wochen waren sämtliche Räume im Erdgeschoss der Dorfstrasse 34 mit Velos gefüllt: Ausser im Ladenlokal standen und hingen Fahrräder in der Werkstatt, im Hof, ja gar neben dem alten Kachelofen in der Stube. Metallhaken und Spuren von Veloreifen an den Wänden lassen erahnen, wie viele Zweiräder hier gelagert wurden.

Die meisten davon sind nun bereits weg. In den letzten drei Wochen, seit Sommerhalder sein Ausverkauf-Inserat schaltete, haben ihm die Kunden geradezu den Laden gestürmt. «Es ist einfach zu wenig Fleisch am Knochen», sagte er vor Kurzem dem «Landanzeiger». Als immer mehr Mahnungen im Briefkasten landeten, habe er gewusst: «Es bringt nichts mehr.» Zu Bestzeiten verkaufte er 250 Velos pro Jahr, im letzten Jahr keine 20 mehr.

Andrés Vater Kurt war ein Freund von Radlegende Ferdy Kübler.

Andrés Vater Kurt war ein Freund von Radlegende Ferdy Kübler.

KEYSTONE

Post sicherte Überleben

Lange blieb Sommerhalder vom Dahinsterben der Velofachhändler verschont. Dies, weil der gelernte Fahr- und Motorradmechaniker im Auftrag der Post deren gelbe Roller reparierte. 150 Gefährte aus den Regionen Zofingen, Aarau, Suhren- und Wynental, benzinbetrieben und Elektromobile, kamen zu Sommerhalder in die Reparatur. In der Werkstatt hinten hatte der Mechaniker immer fünf Ersatzroller für den Fall, dass eine Reparatur einmal länger dauern sollte. Vor eineinhalb Jahren stellte die Post auf Dreiräder um, die nicht mehr im Posteigentum sind, sondern von der Firma Kyburz geleased werden, welche auch die Reparatur übernimmt.

Der Rückzug seines wichtigsten Auftraggebers traf Sommerhalder schwer, doch ans Aufgeben wollte er damals noch nicht denken. Denn etwa zeitgleich schloss der Velohändler Häfliger an der Ruederstrasse und Sommerhalders Laden, nun der einzige im Ort, fing die Kundschaft auf.

Doch diese, das merkte er schnell, mochte die früheren Einkünfte nicht aufwiegen. «Der Service eines Postrollers brachte mir etwa 900 Franken ein, während eine Veloreparatur nur zwischen 30 und 140 Franken kostet.» Ein Velo kaufen, das würden die Leute heute immer weniger beim Dorfhändler, sondern beim billigsten Anbieter, nachdem sie die Preise online verglichen hätten. Als Fachhändler ist seine Ware für gewöhnlich teurer als im Grosshandel, weil er als Kleinunternehmer nicht in grossen Mengen einkauft. «Ich möchte niemanden für den Rückgang meiner Einnahmen beschuldigen», so Sommerhalder, «es ist einfach eine Erscheinung unserer Zeit.»

Ferdy Küblers Velomech

Vater Kurt Sommerhalder, ein gelernter Maschinenschlosser, durfte die goldigen Zeiten erleben. Der leidenschaftliche Amateur-Velorennfahrer, der seinen ersten Zweiradhandel neben der alten Schöftler Chäsi eröffnete, freundete sich mit Radlegende Ferdy Kübler an. Schon bald war Kurt Sommerhalder einer von Küblers ständigen Mechanikern und wurde von ihm regelmässig ins zürcherische Adliswil gerufen, um die Rennvelos instand zu halten. Zu einigen Schweizer Rennen der 1950er- Jahre, unter anderem vier Tour-de-Suisse-Rennen, nahm ihn der Ende 2016 verstorbene Radrennfahrer gar im Mannschaftswagen mit. Dazu kamen mehrere Trainings in Mallorca, zu denen Vater Sommerhalder eingeflogen wurde. «Wenn uns Ferdy besuchte, dann spielte ich jeweils mit dem Junior, dem es bei uns immer gefiel», sagt Sommerhalder. «Wir waren für ihn eine normale Familie, wo nicht der Stress herrschte, der das Promileben mit sich bringt.»

Im Jahr 2000 übernahm André Sommerhalder das Geschäft von seinem Vater, der später an einem Krebsleiden starb. Nach 17 Jahren als selbstständiger Unternehmer ist er nun auf der Suche nach einer Stelle als Velomechaniker. Kein leichtes Unterfangen als 58-Jähriger. Immerhin: «Ich habe gemerkt, dass Velomechs offenbar gesucht sind. Im Moment sieht es nicht schlecht aus.»