Schöftland
An Silvester stiess er jeweils mit dem Pfarrer im Kirchturm an

Sigrist Marcel Haller hört nach 50 Jahren auf. Er könnte die vollautomatisierten Glocken gar noch von Hand läuten. Einmal, aber nur einmal, klangen die Glocken komisch.

Christine Fürst
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Marcel Haller kennt den Kirchturm der katholischen Kirche wie seine Westentasche. cfü

Marcel Haller kennt den Kirchturm der katholischen Kirche wie seine Westentasche. cfü

Steile Treppen führen hinauf in den Turm der katholischen Kirche Schöftland. Marcel Haller kennt den Weg gut. Zwar muss er heute nicht mehr von Hand an den Seilen ziehen, um die Glocken läuten zu lassen. Trotzdem ist er jeweils mit dem Pfarrer an Silvester in den Kirchturm hinaufgestiegen. Sie haben traditionellerweise den Knopf der sonst voll automatisierten Glocken von Hand betätigt und zusammen auf das neue Jahr angestossen.

Vor bald 50 Jahren, als Marcel Haller als Ministrant bei der katholischen Pfarrei Schöftland anfing, mussten die Glocken noch von Hand geläutet werden. Früher sei der Ministrantenjob noch Ehrensache gewesen. Heute sei das längst nicht mehr so. Marcel Haller kann sich noch gut erinnern, wie er als Achtjähriger jeweils am Morgengottesdienst als Ministrant mithalf. Dieser fand zwischen fünf und sechs Uhr morgens statt – und zwar täglich. Marcel Haller ging also früh ins Bett, stand früh wieder auf, ging zur Kirche und dann in die Schule.

Zum Sigrist ernannt

«Irgendwann stand kein Kirchensigrist mehr da», erinnert sich Haller. Der Pfarrer beförderte ihn deshalb vom Chefministranten zum Kirchensigrist, ein Nebenjob für Haller. «Zu dieser Zeit hat man sich nicht um diesen Job gerissen», sagt er. Von da an bereitete er die Gottesdienste vor und musste selbst vor den Messen die Glocken läuten. «Wichtig ist vor allem die Technik gewesen, denn es war nicht einfach, zwei Glocken gleichzeitig und richtig zu läuten», sagt er. Doch da Haller bereits als Ministrant die Technik gelernt hatte, war dies für ihn kein Problem mehr. Neben dem neuen Job studierte er Architektur. Seine Mutter übernahm damals die Reinigung und die Blumen.

Später sind dann immer mehr Aufgaben dazugekommen. Haller bereitete Taufen und Beerdigungen vor, betreute die Liegenschaften der Kirche und richtete die Räumlichkeiten für andere Anlässe ein. «Die Kirche ist heute multifunktional, bei uns finden nicht nur kirchliche, sondern auch private und öffentliche Anlässe statt», sagt Haller. Doch er hatte alles im Griff. Das A und O sei eine gute Organisation. Manchmal musste Haller eine Nachtschicht einlegen, um tags darauf die Räume dem nächsten Mieter wieder in tadellosem Zustand zu übergeben.

Im August 1980 war er dabei, als die neue katholische Kirche eingeweiht wurde. «Ich bekam danach einen Rüffel, weil ein geladener Gast mir vorwarf, dass ich die Kirchentür abgeschlossen hätte und er deswegen nicht mehr zur Einweihung kommen konnte», sagt Haller. Mit einem Augenzwinkern erklärt er: «Die Tür war nicht zu, aber sie ging nicht mehr nach innen, sondern nach aussen auf.» Und auch die vier Glocken haben an der Einweihung nicht so geläutet, wie es eigentlich hätte sein sollen. «Jemand hatte das Glockenpendel eingewickelt mit Papier.» Gemerkt haben es nur einzelne, da zu diesem Zeitpunkt noch niemand das neue Geläut kannte. Wer sich diesen Streich erlaubt hatte, ist bis heute unklar.

Grümpelturniere rufen

Der Kontakt mit den Menschen war Marcel Haller in seiner Funktion als Sigrist immer sehr wichtig. Deshalb will er sich bei allen bedanken, die ihn tatkräftig unterstützt haben. «Nur dank diesen Personen war es möglich, das Amt des Sakristans all die Jahre auszuüben», sagt er. Ende dieses Monats wird der Sigrist pensioniert. Nach bald 50 Jahren. Vor einigen Tagen konnte er seinen 65. Geburtstag feiern, noch zeugen im Haus Ballone davon. Er freut sich auf die neu gewonnene Freizeit. «Unter der ständigen Präsenzzeit hat sicher auch meine Familie manchmal gelitten.»

Marcel Haller hat nun Zeit für seine Familie, als Architekt wird er weiterhin arbeiten. Und er hat wieder Zeit für sein grosses Hobby, das Radball. In jungen Jahren hat er mehrere Schweizer-Meister-Titel eingeheimst, heute spielt er noch ab und zu ein Grümpelturnier. Und am kommenden Silvester wird er wahrscheinlich nicht mehr im Kirchturm aufs neue Jahr anstossen.

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