Sie sei ein einfaches Frauenzimmer, sagt Vera Müller (73). Habe weder peppige Kleider noch stehe sie gerne im Mittelpunkt. Und die Haare trage sie extra unauffällig kurz. Dafür hat die liebenswerte Frau ein flinkes Mundwerk und eine bewegte Lebensgeschichte.

Weg- und zurückzügeln

Am Mittwoch ist die 73-Jährige in ihre neue Rosenweg-Wohnung gezogen. «Die Wohnung ist am genau gleichen Platz wie die alte, in der ich meine Kinder grosszog.» 37 Jahre hat Vera Müller in den alten Rosenweg-Blöcken gelebt, war dort mit ihrem Mann Abwart. Vor vier Jahren zog das Ehepaar über die Strasse in einen anderen Block, der rollstuhlgängig ist. Weil ihr Mann, der vor zweieinhalb Jahren starb, damals schwer krank war. Kurze Zeit später wurde der alte Block abgerissen. Nach dem Tod ihres Mannes sicherte sich Vera Müller genau diese Wohnung im auffälligen Neubau, die auf dem gleichen Flecken Schöftler Erde gebaut ist, wie es die alte war.

In der Küche stapeln sich die Bananen-Schachteln «Ein Puff ist das», schimpft Vera Müller. Das geräumige Wohnzimmer ist dafür schon fast fertig eingerichtet. Wenig einladend ist die Umgebung des Neubaus. Überall Erdwälle, auch ein Kran steht noch. Vera Müller stört das nicht. «Die grüne Umgebung können die auch nicht herbeizaubern.» In der ersten Nacht im Neubau sei sie lange wach gelegen. «Aber jetzt bin ich hier zu Hause.»

Mit ihr zog auch ihre Geschichte ein: Vera Müller wurde im Zweiten Weltkrieg im norddeutschen Pommern geboren. Ihre Mutter starb noch im Wochenbett, der Vater wurde für den Kriegsdienst nach Norwegen beordert. Sie kam als Baby zu den Nachbarn, die zur Familie wurden. Weil die Front näher rückte, musste sie im Alter von 6 Jahren flüchten. «Mit Ross und Wagen», wie sie erzählt. Der Winter sei bitterkalt gewesen, erinnert sie sich. «Wir kochten Kartoffelschalen, um satt zu werden.»

Die Flucht ging über Schwerin nach Niedersachsen. Dort wuchs Vera Müller auf. Tränen steigen ihr in die Augen, wenn sie davon erzählt. Die Zeit dort sei im Rückblick schön gewesen. Entbehrungsreich zwar. Ihr Vater kam dann 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. «Ich weiss noch, wie ich das erste Mal auf seinem Schoss sass und mich die Uniform auf der Haut kratzte.» Der Vater heiratete ihre Ziehmutter. Später zogen sie in den Schwarzwald.

Vera Müller konnte keine Lehre machen. In der Schweiz fand sie Arbeit. Zuerst in Winterthur, dann suchte eine Schöftler Coiffeuse eine Haushälterin. So kam Vera Müller ins Suhrental und lernte an der Fasnacht ihren Mann kennen – ein WSB-Angestellter aus Holziken. Im nächsten Jahr wurde geheiratet, und die drei Kinder kamen in kurzen Abständen zur Welt.

Auspack-Plan

Nie hat Vera Müller in den 37 Jahren am Rosenweg mit den Nachbarinnen gekäfelet. Als Abwart könne man doch nicht mit allen auf Du sein. «Meine engen Freunde hatte ich immer ausserhalb.» Bald zögen noch andere Alt-Rosenwegler zurück in den 30-Wohnungen-Neubau. «Ich freue mich darauf. Aber gekäfelet wird trotzdem nicht», hält die Rentnerin fest. Dafür habe sie keine Zeit. Denn neben Enkel-Hüten, Schrebergarten bestellen und Turnen «geniesse ich auch einfach gerne das Wohnen». Ende nächster Woche soll alles eingerichtet sein, so der Plan.