Oberkulm/Unterkulm
Alt-Ammann zur Fusion: «Wir wissen zu wenig, wohin die Reise geht»

Normalerweise mische er sich nicht mehr ein. Aber Oberkulms Alt-Ammann Max Haller überzeugen die Pro-Fusion-Argumente zu wenig. Sie seien wenig nachhaltig. Er sagt: «Oberkulm hat im Alleingang keine schlechte Zukunft.»

Peter Siegrist
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Max Haller, alt Gemeindeammann, äusserst sich gegen die Fusion von OberkulmUnterkulm.

Max Haller, alt Gemeindeammann, äusserst sich gegen die Fusion von OberkulmUnterkulm.

Herr Haller, Sie bringen sich als Alt-Ammann in die Diskussion ein, das ist doch eigentlich verpönt?

Max Haller: Ich tue das, weil es sich um ein übergeordnetes Sachgeschäft handelt, hier gehts um Oberkulm. Sonst mische ich mich nicht ein, rede nicht gegen die Behörde.

Sind Sie ein erklärter Gegner der geplanten Fusion?

Ich bin kein Gegner von Fusionen. Aber in unserem Fall sehe ich gegenwärtig keine Vorteile.

Zur Person

Max Haller, 73, wohnt in Oberkulm, wo er auch aufgewachsen ist. Beruflich war er als Filialleiter der Neuen Aargauer Bank in Unterkulm tätig. Politisch engagierte sich Haller in der SP, trotz Bänkler, wie er sagt. Während 24 Jahren, von 1978 bis 2001, gehörte er dem Gemeinderat Oberkulm an. Die letzten fünf Jahre war Haller Gemeindeammann. Haller hat bei den Vorabklärungen für eine Fusion in der Arbeitsgruppe Freizeit, Vereine, Wappen und Namensgebung mitgearbeitet. (psi)

Bringt der Zusammenschluss den beiden Dörfern nichts?

Oberkulm und Unterkulm sind finanziell schwach. Ich behaupte, dass zwei Schwache zusammen noch schwächer sind.

Sie führen also finanzielle Gründe gegen die Fusion ins Feld?

Einfach fusionieren bringt nichts, es braucht Gründe, die Synergien bringen für die Zukunft. Solche sehe ich nicht. Denn, wenn einmal fusioniert ist, kann man nie mehr zurück.

Oberkulm und Unterkulm sind zusammengewachsen und arbeiten bereits in vielen Bereichen zusammen. Da gibt es doch Synergien?

Ja, deshalb bin ich der Meinung, die Gemeinden könnten noch mehr gemeinsam anpacken. Zum Beispiel Tagesstrukturen, Schulsozialarbeit, Ange- bote für Jugendliche. Doch das ist kein Grund für die Gemeinden, ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Die Zusammenarbeit sollte ausgebaut werden.

Das tönt aber doch nach Fusion.

Nein, das tönt nach mehr Zusammenarbeit. Wie die Finanzpläne zeigen, sind unsere Zukünfte sehr unterschiedlich. Oberkulm stehen Investitionen von 6,4 Mio. Franken ins Haus, Unterkulm rechnet mit 9,6 Millionen. Und da fehlt die Böhlerkreuzung noch.

Der Böhlerknoten ist vor allem Sache des Kantons und der WSB.

Die Gemeinde Unterkulm wird einen grossen Teil selber bezahlen müssen. Zudem kann von beiden Finanzplänen nichts eingespart werden. Alle Investitionen von Oberkulm und Unterkulm müssen gemacht werden. Also kein Grund für eine Fusion.

Sie wünschen ein Sparpotenzial?

Die Finanzpläne zeigen auf: Der Unterschied zwischen Fusion oder Alleingang beträgt ganze vier Steuerprozente. Es kann doch nicht sein, dass wir wegen 4 Prozent unsere Eigenständigkeit aufgeben.

Glauben Sie denn, Oberkulm fährt allein besser?

Aber sicher. Wir haben rund 30 Prozent weniger Investitionsbedarf als Unterkulm. Die grosse Bautätigkeit bei uns generiert auch mehr Steuereinnahmen. Daher fahren wir allein besser, als wenn wir den Unterkulmern noch helfen müssen. Diese Finanzkraft haben wir denn auch wieder nicht. Jeder hofft auf den anderen und keiner hat die notwendige finanzielle Kraft.

Wäre es nicht solidarisch, jetzt Kulm im Blick zu behalten?

So sollte es sein. Nur, die Finanzpläne zeigen, alles kann nicht gemacht werden. Und dann besteht die Frage, wo wird was investiert, oben oder unten? Daher wird Oberkulm in den nächsten Jahren allein besser fahren.

Stichwort Dorfverbundenheit, sind Sie in einem Verein?

Ich bin in der Männerriege des Turnvereins aktiv. Mit der Nachbarriege haben wir ein gutes Verhältnis. In den Vereinen gibt es die Bedenken, ob künftig die Lokalitäten geteilt werden müssen. Heute sind wir in Oberkulm sehr grosszügig gehalten. Da befürchten viele Einschränkungen. Im Übrigen können oder sollen die Vereine eigenständig bleiben, wenn sie dies wollen. Da gibts keinen Fusions-Druck, es ist eine Option. Die Unterstützung der Gemeinde wird bleiben.

Denken Sie nicht, dass sich bei einer Ablehnung die beiden Dörfer ihre Zukunft verbauen?

Für mich ist der heutige Moment zu früh, die Dörfer sind noch nicht reif für den Zusammenschluss. In der Botschaft steht zu viel, «wir beabsichtigen». Wir als Stimmbürger wissen zu wenig, wohin die Reise geht. Man überlässt zu viel dem neuen Gemeinderat und der neuen Gemeindeversammlung.

Was fehlt Ihnen in dieser Vorlage?

Es ist alles zu wenig konkret. Wir müssten mehr Details kennen, um nicht überrascht zu werden.

Wollen jetzt auch Sie noch über das Abfallwesen reden?

Nein, darum geht es nicht. Abgesehen davon gefällt mir die Unterkulmer Lösung mit dem Gewicht besser. Sie ist ehrlicher. Es geht mir überhaupt nicht um Gebühren. Das sind Details.

Wo stehen Sie denn heute?

Ich sage nicht um jeden Preis Nein. Für mich gibt es gegenwärtig keine stichhaltigen Gründe für eine Fusion, wenn auch die elf Millionen, die der Kanton zahlt, eine Überlegung wert sind.

Und der Finanzausgleich?

Der darf nicht als Grund für eine Fusion gewertet werden. Diesen gibt es auch in Zukunft, weil er nicht abgeschafft wird. So behaupte ich, dass Oberkulm im Alleingang keine schlechte Zukunft hat.

Macht Ihnen die Vorstellung im Ortsteil Oberkulm zu wohnen Bauchweh?

Nein, das darf man nicht überbewerten. Ich finde, man sollte Oberkulm allein erhalten. Wenn man mir jedoch konkrete Vorteile aufzeigen könnte, dann wäre ich mit dem Ortsteil Oberkulm einverstanden. «Wir wollen Oberkulmer» sein, ist kein Grund für die Ablehnung. Das Fehlen von nachhaltigen Gründen aber schon.