Das Moos. Eine gewaltige Fläche, eingerahmt von Reinach, Gontenschwil, Leimbach und Zetzwil. Diese Fläche, die eine Gletscherzunge hinterlassen hat. Diese Fläche, der Lehrerliebling im Heimatkundeunterricht.

Jahrhundertelang war das Moos ein Sumpf. Eine idyllische, oft nebelverhangene Moorlandschaft, über der der säuerliche Sumpfgeschmack hing, und die im Winter nach den Überschwemmungen zu einer riesigen Eislaufbahn gefror. Ein Wirrwarr aus 852 Parzellen ohne viel landwirtschaftlichen Ertrag, ein Durcheinander an Privateigentum und Wegrechten von 346 Personen, ein Hort für Nachbarschaftsstreitereien und generationenlange Feindschaften. Bis vor 100 Jahren: Während des Ersten Weltkrieges, zwischen 1914 und 1918, wurde das Moos entsumpft. Ein Jahrhundertprojekt, das den Leuten im Tal auf einen Schlag eine gewaltige zusätzliche Fläche an Ackerland bescherte.

Die Wyna zerteilte das Gebiet mit vier grossen Wasserläufen, der Grienwyna, der Brunnwyna, der mittlere Wyna und der Krebswyna, dazu kamen allerlei kleine Rinnsale, die sich wild durch das Land kringelten. «Mehr als 1000 grosse und kleine Bäche, Kanäle und Wassergräben durchschneiden die Ebene jetzt in allen Richtungen», soll Regierungsrat P. Conrad, 1906 vor den versammelten Grundbesitzern gesagt und ihnen versprochen haben, «die Sumpfflächen, welche jetzt einen trostlosen Anblick gewähren und der Gegend keine Ehre machen», in einen «riesigen Garten» mit «prachtvoll regelmässigen, mit Maschinen zu bearbeitende Grundstücken» umzuwandeln. Die Grundbesitzer waren einverstanden: Ohne eine einzige Gegenstimme segneten sie das Projekt zur Moosentsumpfung, der Wynakorrektion und Güterregulierung ab. Geschätzter Kostenpunkt: eine halbe Million.

Rote Köpfe nach Einstimmigkeit

Doch was die Mooslandbesitzer so einig absegneten, sorgte in der Bevölkerung für rote Köpfe. Vor allem in Reinach war man nicht bereit, sich an den Kosten für die Urbarisierung zu beteiligen. 20 Prozent sollten die Gemeinden an die Kosten des Projekts leisten, die Grundbesitzer und der Staat je weitere 20 Prozent, der Bund 40 Prozent. Nur hauchdünn nahmen die Reinacher schliesslich an der Gemeindeversammlung das Projekt an und die Planung begann: Auf der ganzen Länge des Mooses sollte ein Hauptkanal gegraben werden, der das Wasser aus zehn Nebenkanälen aufnehmen sollte. Dazu sollte das Bachbett der Wyna ab der Bärenbrücke in Reinach korrigiert und tiefergelegt und die Anzahl Moos-Parzellen halbiert werden.

Im Januar 1910 verstummten die Kritiker. Denn einmal mehr kam das Wasser: «Die gurgelnden Wasser wälzten sich über die Bärenbrücke und schossen gegen den Bärenplatz und die Hauptstrasse des Dorfes hinunter. Zwischen allen Häusern schoss das Wasser durch, während der Regen immer noch strömend floss und die Angst der bedrohten Einwohner immer höher stieg», schreibt das «Echo vom Homberg». Um das Schlimmste zu verhindern, musste ein Damm durchbrochen werden. «Die Wiesen und Gärten östlich des Dorfes bildeten bis hinunter nach der Sandgasse und dem Reinacher Moos einen einzigen grossen See, ebenso das ganze Moos bis nach Zetzwil hinunter. (...) Vielleicht ist angesichts dieses Ereignisses und der mit Wasser überschwemmten Keller manchem Gegner der Moosentsumpfung ein helles Licht aufgegangen.»

Die Arbeiter werden knapp

Ende Oktober 1914 begannen die Erdarbeiten im nördlichsten Teil bei Zetzwil, wo der geplante Kanal durch einen Stollen durch die Moräne geführt werden sollte. Krampften zu Beginn noch sieben Arbeiter, waren es eine Woche später bereits 21, im Dezember 70 Männer. Später schwankte der Bestand zwischen 20 und 165 Mann. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges war das Bauvorhaben als Notstandswerk erklärt worden, um die arbeitslos gewordenen Männern eine Arbeit zu verschaffen. Geld gab es kaum dafür, ein Handlanger bekam 75 Rappen pro Stunde, ein Maurer, Zimmermann oder Schmied 90 Rappen, ein Vorarbeiter 1.30 Franken.

Bald schon wurden die Arbeiter knapp. Die Einheimischen kehrten zurück in die Fabriken, die Ausländer mussten an die Front. Die Arbeit stockte. Um voranzukommen, wurden Deserteure, geflohene Kriegsgefangene und schliesslich 1917 Schweizer Truppen als Arbeitskräfte eingesetzt. Zwischenzeitlich gruben 15 französische Internierte, deutsche Deserteure und sechs geflüchtete Russen im Moos, dazu kamen italienische Internierte und einzelne Polen. Die Ausländer sorgten für Skepsis. Erst klaute ein Deutscher ein Paar Schuhe, später sorgte eine Messerstecherei unter den Russen für Schlagzeilen und grosses Misstrauen in der Bevölkerung. Dem Bauwerk jedoch waren die Russen von grossem Nutzen, ebenso wie die Schweizer Soldaten. «Es ist nur dem Fleiss der Soldaten zu verdanken, wenn ein grosser Teil des Wynenmooses noch für das laufende Jahr sich als ertragsfähig gestaltete», berichtet der Bauleiter 1917.

32 Kilometer Wege gebaut

Ende 1918, nach über vierjähriger Bauzeit, war die Melioration des Wynenmooses vollendet. Die Kosten beliefen sich auf 1,076 Millionen. Die Arbeiten hatten einen von sechs Brücken überzogenen, schnurgeraden Hauptkanal von 3 860 Metern Länge gegraben, dazu zwei Nebenkanäle von insgesamt 2 900 Metern Länge, hatten 108 000 Meter Drainageröhren und 8 070 Meter Zementrohrleitungen verlegt und ein 31 900 Meter langes Wegnetz gebaut. Die nun 420 Parzellen verteilten sich auf 346 Grundbesitzer und schon bald freute sich das Tal über die reichen Kartoffel- und Getreidefelder.

Kaum waren die Arbeiten 1918 abgeschlossen, kam das Wasser erneut. Und noch viel schlimmer als 1910. Das «Echo vom Homberg» schreibt: «Die Wassermassen, die daherstürmten, übertrafen diejenigen von 1910 bei weitem. Die Wynakorrektion vermochte aber auch diesen Meister zu werden und hat ihre Belastungsprobe glänzend bestanden.»

Quelle: Jahresschrift der Historischen Vereinigung Wynental 1985/86 von Willi Gautschi, Peter Steiner und Theodor Fischer