Schmiedrued

Als die Armut das Ruedertal beherrschte

Ursula Maurer, Zürcherin mit Urahnen aus dem Ruedertal, liest an der Buchvernissage im «Storchen».

Ursula Maurer, Zürcherin mit Urahnen aus dem Ruedertal, liest an der Buchvernissage im «Storchen».

Im vollen «Storchensaal» in Schmiedrued feierte das Buch «Hungerland» von Ursula Maurer Vernissage.

«Habt ihr noch genug Luft?», fragt Ursula Maurer, die Autorin des Buches «Hungerland – Armut und wirtschaftliche Not im Ruedertal um 1850». Die Frage ist berechtigt, denn der Saal des «Storchen» in Schmiedrued ist übervoll. «Kann man zum Fenster hinausspringen?», fragt einer und spricht den Fluchtweg an. Im Ernst: Wohl an die 150 Personen drängen sich in den Raum; das Personal trägt Stühle herein, aber nicht alle können sitzen.

Ursula Maurer gibt dem Elend, das um 1850 im Ruedertal herrschte, Gesichter, ohne die Zahlen zu vernachlässigen. Im Bezirk Kulm hätten 4567 Personen unterstützt werden müssen, mehr als ein Viertel, sagt sie. Es gab den Hungertod in der Schweiz. Die Autorin zeichnet konkrete Familienschicksale und verwendet zahlreiche Zitate. «Respekt oder so etwas wie Datenschutz gab es nicht für arme Leute», sagt Ursula Maurer, Heimatort Schmiedrued. So konnte der Pfarrer Frauen mit unehelichen Kindern selbstverständlich liederliche Dirnen nennen.

Arme schreiben nicht

Ursula Maurer weist auf die Problematik der Quellen hin. Sie seien «sehr subjektiv»; da die Armen selber kaum schrieben, seien die Texte von Armenpfleger, Amtsstatthalter, Pfarrer oder Gemeinderat durch deren Brille geprägt. So werde aus einem Arbeitslosen schnell ein Arbeitsscheuer. Und wenn einer ein Alkoholproblem hat, ist er selber schuld. Maurers Fazit: «Wie die Armen sich selber sahen, wissen wir nicht.»

Aber auch die Armen seien nicht nur pflegeleicht gewesen. Querköpfe auch hier. Und dass sich viele nicht an die Schulpflicht hielten, ist aktenkundig: Im Schnitt fehlte ein Kind 40 Tage pro Jahr in der Schule. Das Buch beschreibt die wirtschaftlichen Probleme, eine gewisse Perspektivlosigkeit. Kein nutzbares Wasser, keine Fabriken, keine Arbeitsplätze. Karge, steile Böden. Erbärmlich bezahlte Heimweber, Taglöhner, Kleinstbauern. Und das Strohflechten brachte nicht den gewünschten Erfolg. Auswandern?

Frühe Globalisierung

Neben der Kartoffelfäule und Missernten wegen Unwettern (Hagel 1852) spielte, so Maurer, bereits die Globalisierung dem Tal übel mit: im Handel mit Stoffen und Strohhüten war man abhängig vom Export. Die Finanzkrise in den USA hat Auswirkungen auf Europa. Der Krimkrieg wirkte sich auf den Brotpreis aus. Und Selbstversorgung? «Man brauchte Geld für Brot oder Steuern oder ärztliche Versorgung und musste sich verschulden», sagte Maurer: «Eine prekäre Situation in unsicherer politischer Lage.» Auf den Sonderbundskrieg 1847 folgt ein Jahr später die Gründung des Bundesstaates, Revolution in Deutschland.

Just im «Storchen» beriet der Kanton 1854 darüber, Gegenmassnahmen gegen die Verelendung zu ergreifen. Konkret: Arbeit ins Tal bringen. Ein Augenschein in der Ostschweiz ernüchtert: Dort ist die Textilindustrie eben eine Industrie. Da können Handweber nicht mithalten.

Amüsantes

Ein Blick auf das Ruedertal am Anfang des 21. Jahrhunderts im Epilog nimmt dem Buch etwas die Schwere. «Ein tröstliches Happy End», meint die Autorin. Im Publikum für Schmunzeln sorgen aber auch die Ausführungen über die Namen im Tal um 1850. Von 2500 Personen seien damals 311 Bolliger gewesen, 265 Maurer und 181 Brunner. 271 Frauen und Mädchen hiessen Elisabeth; es gab 32 Elisabeth Bolliger. Bei den Männern gab es viele Jakob, Samuel und Rudolf. Und Ursula Maurers Urururgrosstante Barbara Brunner entfloh dem Elend durch Auswanderung nach Süddeutschland, wo es Arbeit gab.

Mit den Themen Armut – Hunger – Essen setzt sich auch die Vereinigung für Heimatkunde Suhrental, nach deren Generalversammlung die Buchvernissage stattfand, auseinander. Am ersten Juni gehts nach Rothrist, wo Dominik Sauerländer durch die Ausstellung zum Thema «Auswanderung aus Rothrist 1855» führt. Und am 19. Oktober besucht der Verein, der aktuell 397 Mitglieder zählt, die Umweltarena in Spreitenbach.

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