Oberkulm
Als das Autotelefon noch hupte: Ein Kofferraum voller Akkus

Bei den Pokémon-Go-Spielern von heute ist sie so rar wie bei den allerersten Mobiltelefonen aus den Sechzigern: die Akkukapazität. Drei Experten erinnern sich an Kofferräume voller Akkus

Katja Schlegel
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Peter Glauser und Emil Frey sitzen am Gartentisch von Urs Bader (v.l.) und erinnern sich an die gute, alte Handy-Zeit.Mario Heller

Peter Glauser und Emil Frey sitzen am Gartentisch von Urs Bader (v.l.) und erinnern sich an die gute, alte Handy-Zeit.Mario Heller

Mario Heller

Vor der Beiz hocken sie in Scharen am Boden vor den Steckdosen, in der Hand das Smartphone mit dem dunklen Bildschirm, wartend auf die paar Minuten Saft für die nächste Monsterjagd: Pokémon-Go-Spieler. Wie vergiftet jagen sie die virtuellen Viecher durch die Aarauer Gassen – und suchen gleichzeitig fieberhaft die nächste Steckdose. Denn das Spiel frisst so viel Strom, dass die Akkus der Smartphones rasch den Geist aufgeben.

Dieses Bild überrascht die Herren dieser Dreierrunde, die gemütlich im Schatten in einem Oberkulmer Garten sitzt, immer wieder. Und es erinnert sie an eine längst vergangene Zeit. Eine Zeit, in der ein Mobiltelefon mitsamt Akku knapp 60 Kilogramm wog und einen ganzen Kofferraum ausfüllte. Eine Zeit, in der Firmen für ein einziges dieser Mobiltelefone bis zu 16 000 Franken hinblätterten und man damit den Kantonspolizisten heimlich beim Telefonieren zuhören konnte.

Die drei Herren sind allesamt pensioniert und allesamt der Elektronik verfallen: Elektromonteur und Verkäufer Urs Bader ist mit 74 Jahren der Jüngste in der Runde, Elektroinstallateur Emil Frey ist 79, Elektroingenieur Peter Glauser 83. Die Zeit der ersten Mobiltelefone liegt weit zurück, aber erinnern könne sich alle drei bestens. Bader war damals Stift bei der EWA, der heutigen IBAarau, Frey sein Lehrmeister. Und Glauser war bei der AEW extra für die Wartung der Mobiltelefone angestellt. Wenn sie über die alten Zeiten reden, wird es laut und lustig.

Der Stift hütet das Telefon

Drei Monate habe er bei den Freileitungsmonteuren gearbeitet, sagt Bader. Drei Monate lang gehörte es zu seinen Aufgaben, das Autotelefon im Leiterlastwagen zu hüten. Nicht, dass man einen Anruf hätte überhören können: «Das Signal war mit der Autohupe gekoppelt», sagt Bader. «Kam ein Anruf, hupte es wie verrückt.» Bloss hingen die Monteure an den Masten mit den Fernleitungen und konnten nicht so rasch hinunterklettern; deshalb habe jemand das Telefon hüten müssen.

Der Blick in ein Auto-Cockpit mit Hörer und Wählscheibe.ing. Norbert Lang, ABB-Archiv

Der Blick in ein Auto-Cockpit mit Hörer und Wählscheibe.ing. Norbert Lang, ABB-Archiv

Mario Heller

Allzu oft habe es auch nicht geschellt, sagt Frey. «Das waren reine Geschäftstelefonate, da blieb man sachlich und hat nicht über dies und das geplappert.» Sowieso war nach drei Minuten Schluss, die Leitung tot, man musste neu wählen. «Wegen der Energie», sagt Frey, «und wegen der Frequenzen. Die waren rar.» Drei Minuten, das müsse man sich mal vorstellen. «Wenn das heute noch so wäre», sagt Glauser und die drei lachen.

Für Olten hats nicht gereicht

«Auf dem Armaturenbrett hatte es nebst der Wahlscheibe und dem Hörer drei Lämpchen», erinnert sich Bader: Bei Rot war die Leitung besetzt, bei Grün frei und wenn das weisse Lämpchen leuchtete, hatte man einen Anruf verpasst. Bader zeigt zwei Lämpchen, die Glauser im Keller gefunden hat und gerät ins Schwärmen ob all der Technik. «Die Autos hatten im Kofferraum einen Impulsauswerter, ein vollgepackter Relais-Kasten, der Impulse in Töne umwandeln konnte», sagt Bader. Diese Signale wiederum seien per Funk auf den Sender auf der Wasserflue übertragen und da wieder umgewandelt und übermittelt worden. «So konnte man bis in die USA telefonieren, wenn man wollte.» Aber auch das nur kurz, auch ein Kofferraum voller Akkus und Zusatzakkus reichte für allerhöchstens eine Stunde. Und wer aus dem Reaktionsradius der Wasserflue herausfuhr, beispielsweise nach Olten, musste ein zusätzliches Relais mieten. Kostenpunkt: 280 Franken.

Eine Attrappe für Möchtegerne

Autotelefon: teurer als das Auto selbst

Bereits in den Zwanzigerjahren experimentierte die amerikanische Fernmeldegesellschaft mit einem Autotelefon. Doch das Gerät frass so viel Energie, dass die Autobatterie bereits nach einem kurzen Gespräch leer war. Erst in den Fünfzigerjahren kamen leistungsfähigere Geräte auf den Markt. Doch die Nachfrage hielt sich in Grenzen, nur etwa 1000 Personen nutzten das Angebot. Das erste Natel-Netz «Natel A» markierte 1978 den eigentlichen Beginn der Mobiltelefonie in der Schweiz. Die Geräte waren gross wie ein Koffer und wogen 15 Kilogramm.

Mit einem solchen Telefon zu hantieren, sei schon etwas Spezielles gewesen. «Damals hatten nur die ganz Wichtigen ein solches Telefon», sagt Bader. Die Wichtigen waren der Chef, die Freileitungsmonteure, die Herren beim Wasserwerk. «Einer der Chefmonteure hat sich immer schön Zeit gelassen, zum Auto zu spazieren, wenn es schellte. Er hat jedes Hupen genossen», sagt Frey.

Eine solche Anlage kostete rund 16 000 Franken, schätzt Bader, ein halbes Dutzend waren jeweils in der Firma im Einsatz. «Da hat das Geld noch keine Rolle gespielt.» Und für die anderen, die sich ein solches Gerät nicht leisten konnten, habe es ja Attrappen gegeben, wirft Frey ein. «Mitsamt Antenne und Telefonhörer, wie echt. Längst nicht jeder mit Hörer am Ohr hat auch wirklich ein Telefon im Auto gehabt.»

Das Ohr im fremden Bett

Noch viel spannender als das eigene Telefon waren aber die Telefonate der andern, sagt Bader in einem Nebensatz. Da werden die Besucher hellhörig und die Männer schweigsam. Sie drucksen, lachen, das sei doch nicht so wichtig, längst verjährt, interessiere doch keinen. Oh doch.

Für 100 Franken habe man im Elektrofachgeschäft kleine Scanner kaufen können, mit denen man Gespräche abhören konnte, rückt Bader mit der Sprache heraus. «Ein kleines Vermögen für uns Stifte, aber jeder hatte einen solchen Scanner», schiebt er fast entschuldigend hinterher und die anderen nicken. Da habe man halt mitgehört, was sich die Kantonspolizisten zu erzählen hatten. Oder Privatpersonen, jeden Natel-A-Abonnent konnte man so abhören. «Da hat man so einiges gehört», sagt Bader und zieht vielversprechend die Augenbrauen hoch. Ehekrisen, Fremdgehen, das ganze Programm. «Aber darüber hat man geschwiegen.»