Ruedertal

Als das Armenhaus der Armut zum Opfer fiel

Die «Talgeschichte Rued» dokumentiert die Entwicklung des Tals über die letzten Jahrhunderte

Der berühmteste Ruedertaler aus vergangenen Zeiten ist zweifelsohne Carl Friedrich May von Rued (1786–1846). Sein kluges Vorgehen, um sich nach dem Ende seines Herrschaftsstatus in die Moderne zu retten und seine Grosszügigkeit gegenüber den Talbewohnern in Zeiten des Hungers verleihen ihm heute noch höchste Anerkennung.

Doch wer herrschte vor ihm auf Schloss Rued? Und wie meisterte die restliche Talbevölkerung, die nicht mit einem Adelstitel gesegnet war, vor Hunderten von Jahren ihren Alltag?

Um dies aufzuzeigen, stiegen der Menziker Historiker Markus Widmer-Dean und sein Berufskollege Rolf Bolliger aus Gontenschwil in die Staats- und Gemeindearchive hinab. Herausgekommen ist nach zwei Jahren Arbeit das Buch «Talgeschichte Rued». Auf das Werk, das die Entwicklung des Tals über die Jahrhunderte und die Nöte und Bestrebungen seiner Talbewohner erzählt, hat das ganze Tal bereits seit Monaten gewartet.

Geld für Auswanderer

Wer nicht mit genügend Geld gesegnet war, um einem Lehrmeister das Ausbildungsgeld zu zahlen, wer verwitwet war oder gar ledig schwanger wurde, betrat in vergangenen Jahrhunderten meist unweigerlich den Armutspfad. Hinzu kam, dass das Ruedertal nie ein von Wohlstand gesegnetes Gebiet war.

Zahlreiche Ruedertaler mussten sich mit Unterstützungsgesuchen an die Gemeinde wenden. Zwar wurde ein Armenfonds eingerichtet, daraus konnten jedoch längst nicht alle Gesuchsteller versorgt werden. Glück hatte meist, wer mit dem Zustupf eine Lehre finanzieren wollte, die Zusage eines Lehrmeisters in der Tasche hatte und damit der Armut entfliehen konnte. Wie etwa der junge Samuel Neeser, dem 1857 für seine Schneiderlehre 80 Franken gewährt wurden.

Grosszügig zeigte man sich auch bei Gesuchen um Entschädigung für Auswanderungskosten nach Übersee, weil man sich so eines Armen entledigen konnte. Zähneknirschend mussten die Ruedertaler Gemeinden Arme aus anderen Gemeinden aufnehmen, weil sie im Tal heimatberechtigt waren.

So holte man 1838 die Witwe Anna Barbara Bechdolf mit ihren fünf Kindern auf Kosten der Gemeinde nach Schlossrued, weil ihr verstorbener Mann hier heimatberechtigt gewesen war. Zwar musste die Gemeinde bald nicht mehr für sie aufkommen, weil ein Schuhmacher aus Möriken sie vor den Traualtar führte. Von Annas Kinder wollte er jedoch nichts wissen. Sie wurden verdingt und Tochter Salome wurde später von ihrem Solothurner Meister schwanger, worauf sie und ihr Kind zurück nach Schlossrued geholt wurden.

Es liegt nahe, dass die Ruedertaler bestrebt waren, ein Armenhaus für ihre Bedürftigen zu gründen. Zwar erwarben die Gemeinden eine Liegenschaft auf der Schmiedrueder Rechtzelg und eröffneten das neue Armenhaus 1846. Weil jedoch die aufgenommenen Kredite nicht zurückgezahlt werden konnten, war ihm nur eine Lebensdauer von acht Jahren beschert.

Priester wurde reformiert

Noch weniger zimperlich als mit Armengenössigen ging man mit Mitgliedern neuer religiöser Gruppierungen um, die sich nach der Reformation gebildet hatten. Das brutale Vorgehen zeigt sich in einer Anfrage eines Landvogts an den Berner Rat von 1538. Er wollte wissen, ob er den Täufern die Kosten aufbürden dürfe, die für Bekehrungsaufwand und Hinrichtungen entstanden seien.

Die Talkirche Rued wurde in dieser Zeit zur reformierten Kirche, ohne dass ein Personalwechsel stattfand. Der katholische Priester aus Schaffhausen wurde einfach zum reformierten Pfarrer. Glado May, der Stammvater der Herrschaftsfamilie May, hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Reformation das Ruedertal erreichte.

Er pflegte gute Beziehungen zum Zürcher Reformator Ulrich Zwingli und war Anhänger seiner Ideen. Ganz nach reformatorischer Tugend verschwanden aus der Talkirche in der Folge Marienaltar und Kirchenschmuck.

Herrschaft in Konkursmasse

Glado May besass gleich mehrere Herrschaften und erwarb die Herrschaft Rued im 16. Jahrhundert von den Herren von Ruoda, die als Adelige im Dienste der Habsburger standen. Die Rueder Herrschaft drohte der Berner Adelsfamilie May jedoch schon in der nächsten Generation zu entgleiten.

Sein Sohn Jakob lebte so verschwenderisch, dass sein Anteil an der Herrschaft nach seinem Tod in die Konkursmasse fiel und von Bruder Benedikt zum Erhalt der Dynastie zurückgekauft werden musste.

Mit dem Ende der Berner Zeit 1798 und der Gründung des Kantons Aargau verloren die Mays ihren Herrschaftsstatus. Carl Friedrich May gelang der Übergang vom Adels- zum Gutsherrn, ohne in den Zeiten nach der Revolution unterzugehen.

Er ist auch deshalb bis heute im kollektiven Gedächtnis geblieben, weil er weiterhin für das Wohl der Talbewohner schaute, etwa durch grosszügige Zuwendungen in den Hungerjahren 1816/17.

Erste Garben nach Hungersnot

Diese Zeit muss auch für die Betreiber der Mühle Schlossrued verheerend gewesen sein. Die Autoren geben im Buch zeitgenössische Berichte wieder aus der Zeit der Ende der Hungersnot. Sie besagen, dass mancherorts die ersten mit Garben beladenen Wagen unter Glockengeläut durch das Dorf gezogen wurden, während Pfarrer und Schuljugend Dankeslieder sangen. Als Carl Friedrich May die Mühle verkaufte, kam sie erstmals in bürgerliche Hände.

Nicht alle Mühlenbesitzer konnten in der Folge gutes Geld erwirtschaften. Waren einige von ihnen Visionäre, die den Betrieb durch bauliche Verbesserungen blühen liessen, gerieten andere in finanzielle Nöte und wurden zum Verkauf gezwungen.

Nach einer langen Reihe von Mühlenbesitzern erwarb 1928 die Familie Schlatter die Schlossrueder Mühle. Rudolf Schlatter führt sie heute in dritter Generation als Kundenmühle.

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