Kanada-Auswanderer

«Alles ist etwas lockerer, niemand reklamiert wegen jeder Kleinigkeit»

Katja Ulm und Peter Müller aus Moosleerau züchten nun Rennpferde in den Weiten von Ontario, Kanada. zvg

Katja Ulm und Peter Müller aus Moosleerau züchten nun Rennpferde in den Weiten von Ontario, Kanada. zvg

Wie ausgewanderte Aargauer in Ländern leben, wo andere ihre Ferien verbringen: In unserer Serie sagen heute Katja Ulm (44) und Peter Müller (51) aus Moosleerau, wie sie in Kanada leben.

Wieso sind Sie ausgerechnet nach Kanada ausgewandert?

Wir brauchten einfach mehr Platz, mehr Natur und mehr Ruhe, weniger Leute. Eine Zeit lang war auch Frankreich im Gespräch, aber die super freundlichen Menschen in Kanada haben uns überzeugt. Es ist ein wunderschönes, grosses Land, das der Schweiz eigentlich in vielen Sachen ähnelt. Da wir Rennpferde züchten wollten, kam eigentlich nur Ontario infrage, weil der Pferderennsport hier relativ gross ist.

Welches Wort in der Landessprache brauchen Sie am häufigsten und warum?

Da fällt mir eigentlich keines ein. Eines das allerdings sehr häufig von allen benutzt wird, ist das «Eh» am Ende eines Satzes, das ist richtig typisch kanadisch und ähnelt dem «oder» im Schweizerdeutschen. Wie zum Beispiel: «It’s such a nice day, eh?»

Wie sicher fühlen Sie sich in Ihrem Auswanderungsland, wenn Sie spazieren gehen?

Sehr sicher, speziell hier auf dem Land brauchen wir keine Angst zu haben. Bis vor ein paar Jahren haben wir nicht mal das Haus abgeschlossen. In der Grossstadt Toronto sieht es natürlich etwas anders aus, die Kriminalität ist aber im Vergleich zu anderen nordamerikanischen Städten immer noch relativ klein.

Wie wohnen Sie?

Wir besitzen eine 40 Hektar grosse Farm mit viel Weiden und auch einem Wald. Das Haus wurde ungefähr 1890 gebaut und benötigt noch die eine oder andere Renovation. Die Lage ist herrlich, auf einem Hügel mit wunderschöner Sicht. Unser Dorf Bognor ist sehr klein und hat nur ein winzig kleines Postbüro und das obligate Balldiamond (Baseballspielfeld). Etwa 40 Minuten Autofahrt sind es zu einem der schönsten Süsswasserstrände und ebenfalls 40 Minuten zu den Skihügeln, die natürlich keinen Vergleich zu den Alpen darstellen.

Wie weit ist es zur nächsten Einkaufsmöglichkeit?

20 Minuten mit dem Auto bis nach Owen Sound, dem nächst grösseren Ort, wo wir eigentlich alles bekommen. Für etwas ausgedehntere oder speziellere Shoppingtrips nehmen wir auch gerne die 2½ Stunden Autofahrt nach Toronto in Kauf.

Welche kanadische Spezialität mögen Sie am liebsten? Welche mögen Sie gar nicht?

Vorwiegend Fleisch. Man merkt einfach, dass die Tiere anders aufgezogen werden, Auslauf haben und weniger
bis keine Hormone erhalten. Ansonsten hat Kanada eigentlich keine richtigen Spezialgerichte, abgesehen von Poutine (aus Quebec), das sind Pommes mit Bratensauce und geschmolzenem Käse.

Wie ist das Klima in Kanada?

Der Winter ist länger und härter als in der Schweiz, viel Schnee und Wind. Die letzten beiden waren auch extrem kalt. Schnee hat es normalerweise von Mitte Dezember bis Ende März. Der Frühling ist kurz und intensiv, alles blüht fast zur gleichen Zeit, Gras und Blättern kann man fast zuschauen beim Wachsen. Der Sommer ist normalerweise sehr warm mit einer hohen Luftfeuchtigkeit wegen der grossen Seen. Der Herbst ist herrlich, meist immer noch angenehm warm und mit den gelegentlichen Herbststürmen.

Was gefällt Ihnen am Leben, am Alltag in Kanada am besten?

Hier ist alles etwas lockerer, man nimmt nicht immer alles so ernst, man fühlt sich nicht nur der Weite wegen etwas freier. Und es ist so schön, nach einem langen Arbeitstag draussen auf der Farm die Ruhe und die Natur zu geniessen. Niemand reklamiert wegen jeder Kleinigkeit, man muss nicht ständig auf der Hut sein, dass man etwas falsch macht, die Leute sind viel offener.

Und was stört Sie an Kanada?

Am meisten eigentlich die Liederlichkeit der Leute, vor allem beruflich, wenige haben einen richtigen Berufsstolz. Man muss immer alles hinterfragen oder überprüfen.

Wie weit ist es zu den nächsten Nachbarn?

Nur ein paar hundert Meter, aber es gibt nicht so viele. Was uns gut passt, denn ganz zu einsam möchten wir auch nicht leben.

Wohin fahren Sie selber in die Ferien?

Natürlich in die Schweiz, vorwiegend der Familie und Freunde wegen. Man sieht dann jeweils wieder die richtig schönen Seiten der Schweiz, die Alpen und Täler sind einfach unvergleichlich. Ansonsten fahren wir eher im Winter in den Süden. Diesen März waren wir für vier Wochen in Florida. Es war toll, den kalten Winter etwas zu verkürzen.

Haben Sie manchmal Heimweh nach der Schweiz? Was vermissen Sie am meisten?

Eigentlich nicht, höchstens nach Familie oder Freunden. Ab und zu vermissen wir Essensspezialitäten wie Magenbrot, heisse Marroni, Vermicelles oder Ähnliches. Zum Glück gibt es aber Fondue- und Raclettekäse zu kaufen.

Was können die Schweizer von den Menschen in Kanada lernen?

Alles etwas lockerer zu nehmen und auch dem anderen das zu gönnen,
was er sich erschaffen hat. In der Schweiz ist einfach zu viel Neid und Missgunst vorhanden, das ist eine Eigenschaft, welche die Kanadier gar nicht haben.

Nennen Sie drei Dinge, die man als Tourist in Kanada unbedingt sehen muss.

Die Niagara-Fälle natürlich. Dann würde ich sagen das Okanagan Valley in British Columbia, das ist das Tessin in den Rocky Mountains. Ansonsten kann man noch sehr die Ostküste mit Neufundland empfehlen, das einfach durch die ganze Landschaft sehr sehenswert ist.

Nennen Sie drei Dinge, die man einpacken muss, wenn man Kanada bereist.

Schwierig zu beantworten, denn man kann ja hier eigentlich alles kaufen. Ein GPS fürs Auto ist von Vorteil, aber auch damit kann man sich schnell verfahren. Bestimmt nützlich sind eine sehr warme Mütze im Winter und Badesachen im Sommer.

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