Die neue Ausstellung im Reinacher Schneggli widmet sich der Aus- und Einwanderung im See- und Wynental in den letzten 200 Jahren.

Und dann gings zum Dorf hinaus. Mit ein paar Lumpen im Koffer und der Kinderschar am Rockzipfel, eine Bande mit Rotznasen und verfilzten Schöpfen, die Augen so gross wie Unterteller in den ausgemergelten Gesichtern. Hinaus gings aus dem Dorf, gescheucht und gedrängt, mit ein paar Batzen und einem feuchten Händedruck vom Gemeindeschreiber, «adieu liebe Frau, machen Sies gut.» Und raus gings aus der Heimat, gen Amerika zu.

Um 1850 wanderten die Menschen zu Hunderten aus dem Bezirk Kulm aus. Nicht aus Abenteuerlust, sondern aus purer Not und auf Drängen der Gemeinde hin. Weil sie armengenössig waren, Filous oder Taugenichtse. Ganze Waldstücke wurden abgeholzt, um den Unerwünschten die Auswanderung zu bezahlen. Die Rechnung der Gemeinden war einfach: Lieber einmalig 150 Franken an die Auswanderung bezahlen, als beispielsweise eine Witwe mitsamt ihren Kindern jahrelang über Wasser halten. Sollten sie doch am andern Ende der Welt ihr Glück finden, da wo Milch und Honig fliessen.

Beide Seiten der Medaille zeigen

Auswandern. Kein anderes Thema ist mit so viel Hoffnung, Sehnsüchten und Geschichten verbunden. Es weckt Abenteuerlust, den Reiz an etwas Neuem, Besserem. Und gleichzeitig ist da das Einwandern, unweigerlich. Wer auswandert, wandert andernorts ein, nur weckt das Einwandern so ganz andere Emotionen. Auswandern hat etwas Euphorisierendes, Einwanderung schürt Angst.

Diesem Spannungsfeld hat sich René Fuchs mit seiner Ausstellung «Aus- und Einwanderung im See- und Wynental» im Museum Schneggli gewidmet. «In meinen 40 Jahren als Seklehrer habe ich Kinder aus ganz unterschiedlichen Nationen kennengelernt. Ihre Geschichten vom Aus- und Einwandern haben mich immer sehr interessiert.» Gleichzeitig sei es ihm wichtig gewesen, den Jungen beide Seiten der Medaille zu zeigen, dass auch in der Schweiz, im Wynental die Zeiten einmal so waren, dass die Leute auswandern mussten. «Und das vor erst rund 150 oder 200 Jahren.»

Fuchs hat einen Nerv getroffen. «Viele haben sich unglaublich gefreut, ihre Geschichten oder die ihrer Vorfahren erzählen zu dürfen.» Kistenweise Material hat er für die Ausstellung bekommen, Fotos und Tagebücher, Tickets und Überseekoffer, Mitbringsel und Briefe, Instrumente und Kleidung. «Der Verdienst an dieser Ausstellung liegt in erster Linie bei den Leuten, die mir diese Dinge gebracht haben», sagt Fuchs und lacht. «Ich habe hauptsächlich koordiniert und ihre Geschichten aufgeschrieben.»

Gemeinsam mit der Vereinigung Museum Schneggli hat Fuchs eine eindrückliche Reise rund um die Welt und quer durch 200 Jahre Zeitgeschichte zusammengestellt. Ihren Anfang nimmt die Ausstellung um 1800 im Wynental, zwischen Armut und Elend, reist über den Atlantik und verteilt sich ab New York in alle Himmelsrichtungen. Sie erzählt von Erfolgen und dem Scheitern, von Gründungsvätern und Rückkehrern, erst recht ab 1900, als die jungen Männer auszogen, um ihren Rucksack zu füllen. Die Ausstellung beleuchtet aber auch die Geschichte der Eingewanderten, der Italiener und Kosovaren. Und zuletzt widmet sie sich vier Flüchtlingen im Hier und Jetzt, die erzählen, wie sie hierher gekommen sind.

Alle suchen das Gleiche und alle brauchen eins dafür

Ganz unterschiedliche Geschichten und doch alle irgendwie gleich. «Sie alle eint die Hoffnung darauf, andernorts das Glück, eine neue Heimat zu finden», sagt Fuchs. Die Arbeit an der Ausstellung habe ihm auch gezeigt, was es dafür brauche: «Keine Auswanderung ist einfach. Glücklich wird nur, wer willens ist, sich zu integrieren.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1