Teufenthal

Aargauer verwandelt sich nachts in eine Dragqueen: «Als ‹Paprika› trage ich meine feminine Seite nach aussen»

Der 22-jährige Michel von Känel aus Teufenthal studiert an der Pädagogischen Hochschule, um Lehrer zu werden. Nachts verwandelt er sich in eine Dragqueen. Vor seinen Schülern verstecken will er sein Hobby nicht.

Er steht mit dem Gesicht ganz dicht vor dem Spiegel und klebt sich mit einem Pritt-Leimstift vorsichtig die dunklen Augenbrauen glatt. «Das ist der aufwendigste Teil der ganzen Prozedur», sagt Michel von Känel. Während der nächsten zweieinhalb Stunden wird sich der 22-Jährige vom zurückhaltenden Jungen im Streifen-T-Shirt und Baseballcap in eine elegant gekleidete, selbstsichere Dragqueen namens «Paprika» verwandeln.

Am Boden vor den Toiletten des Zürcher Nachtclubs Heaven liegt ein offener schwarzer Koffer, darin mehrere paar Strumpfhosen, zwei blonde Langhaar-Perücken, Highheels und ein künstliches Hinterteil, das sich Michel später für seinen Auftritt umschnallen wird: «Den habe ich selber gebastelt», sagt er und schmunzelt. Michel ist eine Frohnatur, immer wieder lacht er zwischen seinen Antworten herzlich. «Den Schaumstoff dazu habe ich in einem Heimwerkerladen gekauft.» Das Tutorial zum Anfertigen des Hintern gabs auf Youtube.

An diesem Abend hat er auf der grosszügigen und gut beleuchteten Einzeltoilette genügend Platz, um seine Schminkpaletten auszubreiten. «Sogar eine Dusche gibt es hier drin», sagt er. Michel von Känel ist zierlich und gepflegt, die braunen Locken hat er unter einer Strumpfhose flachgedrückt. «Ich nehme nur noch Aufträge an, bei denen ich mich vor Ort schminken kann.» Das Risiko, als Dragqueen auf der Strasse angegriffen zu werden, gehe er nicht ein: «Ein Freund von mir wurde hier in Zürich mit einem Messer angegriffen.»

Ausschnitte aus einem der Auftritte von «Paprika» aus der Sendung «Uf Bsuech» von Tele M1, ausgestrahlt Ende Mai 2019:

Michel von Känel ist «Miss Paprika»

Die Sendung in voller Länge finden Sie weiter unten.

In der Schweiz werden Angriffe gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle/Transgender und Intersexuelle Menschen (LGBTIQ) polizeilich nicht separat erfasst. «Da hinkt die Schweiz etwas hinterher», findet von Känel. In dreizehn Kantonen – unter anderem im Aargau – verlangen politische Vorstösse nun, dass Hassverbrechen gegen diese Personengruppen polizeilich separat erfasst werden.

Michel von Känel ist eine von nur etwa zwanzig aktiven Dragqueens in der Schweiz. Seit eineinhalb Jahren wird er regelmässig für Auftritte als «Paprika» gebucht. Letztes Jahr wurde er zur Miss Heaven gekürt, quasi die Miss Schweiz unter den Drags.

«Am Anfang habe ich mich zu Hause fertiggemacht und mein Vater fuhr mich dann noch mit dem Auto an den Bahnhof.» Der Student lebt noch in seinem Elternhaus in Teufenthal. Das 1600-Seelen-Dorf dürfte mittlerweile von seinem Hobby erfahren haben. Anfangs schminkte er sich im Stillen. Meistens dann, wenn seine Eltern in den Ferien waren. Doch er wollte seine neue Leidenschaft nicht geheim halten: «Ich habe es zuerst meinem Vater gesagt. Er konnte gut damit umgehen und er hat es dann auch meiner Mutter gesagt. Sie hat es am Anfang nicht so gut aufgenommen», sagt er und wirkt für einen kurzen Moment nachdenklich. «Aber mittlerweile kauft sie sogar Haarspray für mich und heute Abend werde ich einen Hosenanzug tragen, der ihr gehört.»

Häufig verstünden Menschen nicht, dass Drag eine Kunstform ist: «Sie denken oft, dass ich das mache, weil ich eigentlich eine Frau sein möchte. Das ist aber nicht so.» Es sei eine Art, um aus der manchmal spiessigen Schweiz auszubrechen. «Als «Paprika» trage ich auch meine feminine Seite nach aussen.» Und Michel liebt es, auf der Bühne zu performen.

Sein Gesicht ist seine Leinwand. Die echten Augenbrauen sind mittlerweile unter einer Schicht weissem Make-up verschwunden. Mit einem schwarzen Stift malt er sich vorsichtig neue Brauen auf. Er ist hoch konzentriert und macht immer wieder eineinhalb Schritte zurück vom Spiegel, um sich genau zu betrachten: «Es soll ja symmetrisch sein», sagt er.

Michel von Känel studiert an der Pädagogischen Hochschule. Er will Oberstufenlehrer werden. Angst, dass ihn sein eher aussergewöhnliches Hobby bei der Ausübung des zukünftigen Berufs beeinträchtigen könnte, hat er nicht. Im Gegenteil: «Sowohl beim Drag-Sein als auch beim Lehrer-Sein geht es für mich darum, damit umgehen zu können, dass alle Menschen unterschiedlich sind und andere Bedürfnisse haben.» Wenn alles nach Plan läuft, wird er in zwei Jahren die Fächer Mathematik und Naturwissenschaften sowie Werken und Gestalten unterrichten. Seine Mitstudenten und auch seine Mentorin an der Hochschule wissen Bescheid. «Bei einem Vorstellungsgespräch werde ich nicht als Erstes erwähnen, dass ich in meiner Freizeit Dragqueen bin. Ich werde es aber auch nicht verstecken.» Er wolle auch mit den Schülern aufrichtig sein, sollte es einmal zur Sprache kommen.

Michel hantiert routiniert mit den Schminkpinseln und seine Augenlider werden immer dunkler. Die extravaganten falschen Augenwimpern muss er zurechtschneiden, ehe er sie vorsichtig aufklebt.

Er werde eine Schule finden, die mit seinem Hobby kein Problem hat. «Und wenn es so sein sollte, dass eine Schule das nicht akzeptiert, ist das sowieso nicht das Umfeld, in dem ich unterrichten möchte.» Michel spricht überlegt. Trotz seines jungen Alters hat er verstanden, dass es immer Kritiker gibt. Auch wenn man alles so macht, wie es ein Grossteil der Gesellschaft als normal empfindet. «Als Drag lernt man, dass es einen nicht zu kümmern hat, was andere sagen.»

Tele M1 hat Michel von Känel im Mai besucht – die ganze Sendung «Uf Bsuech» vom 28. Mai 2019:

«Uf Bsuech» bei Miss Paprika

«Uf Bsuech» bei Miss Paprika

Die amtierende Miss Heaven, auch bekannt als Michel von Känel, erklärt, wie ihre Transformation vonstatten geht. Der 21-Jährige zeigt uns seine 3-stündige Make-Up-Routine.

Er habe sich nicht heimlich bereits als Kind geschminkt, wie die meisten Menschen denken. Er sei sehr introvertiert gewesen und habe sich dann in der Theatergruppe der Schule geöffnet. «Ich habe viele Jahre aktiv Theater gespielt. Von da her kommt auch meine Leidenschaft, in Rollen zu schlüpfen.» Die Auftritte, für die er gebucht wird, sind ganz unterschiedlicher Natur. «Das können DJ-Auftritte sein, wie heute Abend, das können Burlesque-Abende, aber auch Shows sein, bei denen ich gebucht werde, um als Paprika eine Geschichte zu erzählen, zu tanzen oder zu singen.» Solche Aufträge seien ihm am liebsten, obwohl der Aufwand für die Vorbereitung dieser Rollenspiele weit vor der körperlichen Transformation beginnt. Jeden Franken, den er mit einem Auftritt als Paprika verdient, investiert er wieder in Make-up, Kleider und Perücken. «Die, die ich heute trage, kostet 250 Franken.» Die Kleider näht oder ändert er meistens selbst.

Abschminken und mit dem Zug zurück nach Teufenthal

Abgeschaut habe er das von einem Freund, der sich selbst als Dragqueen verkleidete. «Wir gingen dann an einem Abend im 2017 gemeinsam geschminkt an eine Veranstaltung in einen Nachtclub hier in Zürich.» Eine ältere Dragqueen, eine sogenannte Drag-Mutter, sprach Michel damals an und gab ihm zugleich Starthilfe. Sie zeigte ihm später, wo er einkaufen und wie er sich schminken könnte.

Michels Haltung und seine Bewegungen wirken geschliffener, je mehr er dem Ende der Transformation näher kommt. «Sobald ich die hohen Schuhe angezogen habe, bin ich in der Rolle.» Zuletzt bekommen seine Lippen Form und Farbe, dann rückt er das rote, lackige Beret zurecht und streift sich die passenden Handschuhe über. Der Hosenanzug seiner Mutter sitzt perfekt. Gekonnt läuft er auf den hohen Absätzen nach vorne in den noch leeren Nachtclub. Es ist kurz vor 23 Uhr. Bis sechs Uhr morgens wird sich Michel die Plattenteller mit einer anderen Dragqueen teilen, ehe er sich abschminkt, und mit dem Zug zurück nach Teufenthal fährt.

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