Er steht vor dem Restaurant Storchen. Vor fünf Jahren war er zum letzten Mal hier in diesem Dorf, dessen Sprache ihm wieder hoch kommt. «Opsi chunnt», sagt er.

Der Schriftsteller Andreas Neeser ist ein Schlossrueder. Doch weit weg vom Ruedertal hat er seinen Kindheitsdialekt vergessen. «Meine Erstsprache vermischte sich zunehmend mit städtischen Einflüssen und das schien mir gut so», sagt er, der seit 2012 wieder näher – in Suhr – wohnt. Schon vorher kam die alte Sprache zurück, er schrieb 2009 «No alles gliich wie morn», sein erstes Mundartbuch. 1300 wurden verkauft, eine gute Bilanz für Schweizer Belletristik.

Jetzt folgt das Zweite. Fast unverschämt schnell hat er es geschrieben: in dreieinhalb Wochen. Nur so «usepluderet» seien die Kurzgeschichten, er habe keine Erklärung dafür, er sei sonst kein Schnellschreiber. Jeden Tag entstand eine Geschichte und korrigieren musste er fast nichts. Nur die Mundartschreibweise musste er mit sich selber vereinbaren. 25'000 Franken hat er von Pro Helvetia als Werkbeitrag dafür erhalten.

Keine Recherche vor Ort

Chräsme, chätsche, verwoorge. Lödle, loorge, verräble. Und der «Storche», der heisst hier «Store». Er wisse nicht warum. Neeser steht etwas verloren hier und sagt, mit Schlossrued habe er eigentlich nichts mehr am Hut, habe «kei Fäde meh do ufe». Die Eltern sind weggezogen, im Haus der Grossmutter mit den bordeauxroten Fensterläden wohnen Fremde. Recherchiert hat er nicht im Dorf, die Geschichten hat er in seinem Büro geschrieben, sie spielen nicht im Heute, sondern in den 70er-Jahren, seinen Kindheitsjahren.

«Die Sprache ist meine innerste Heimat», sagt er. Die Sprache lege den atmosphärischen Boden zu den Geschichten, die meist erfunden sind, und in dieser Atmosphäre so schnell entstanden.

Der Fotograf will ihn auf dem Spielplatz hinter der Schule ablichten. Da springen ihn aus der Umgebung doch Erinnerungen an: Zwei Reckstangen, sonst keine Spielgeräte, seien früher hier hinter dem Schulhaus gestanden. Am Schlosshügel seien sie als Kinder Ski gefahren. Im nahen Schuhgeschäft habe man durch eine Röhre wie mit Ultraschall auf seine Zehen in den Schuhen blicken und kontrollieren können, ob sie passen. Vom Schlossherr hätten die Schulkinder zu Weihnachten eine Hefeschnecke bekommen. Da war das Schloss noch bewohnt, der Regen fiel noch nicht durch die zerborstenen Scheiben ins kaputte Innere.

Neesers Sprache konnte die Zeit nichts angaben, sie ist noch da, unbeschädigt, wie die gut erhaltene Droschke in der Scheune hinter dem «Store». Gebraucht wird sie nur noch zu speziellen Anlässen. Genau wie Neesers Kindheitsdialekt. Manchmal sagt er eines der Wörter zu einem Schriftstellerkollegen. Dann lachen sie.

«S wird nümme, wies nie gsi isch» (Verlag Zytglogge, Tuschezeichnungen von der Aarauerin Marianne Büttiker). Die ersten drei az-Leser erhalten je ein Exemplar geschenkt:
Montag, 28. Juli, von 11 Uhr bis 11.30 Uhr, Telefonnummer 058 200 52 82.