Stierenberg

85-Meter-Mast mit Feingefühl lotet aus, woher der Wind weht

Zuoberst auf dem Stierenberg thront ein Mast, der messen soll, ob die Installation von Windrädern Sinn macht.

Ort: Stierenberg. Temperatur: plus 2 Grad. Fern- und Alpensicht: grandios. Windstärke: null. Letzteres gefällt dem Ehepaar Priska und Roland Wismer aus Rickenbach an diesem schönen Wintermorgen nicht. Am liebsten haben es die beiden, wenn es um ihren Bauernhof und zuoberst auf dem «Göpfi» des Stierenbergs so richtig zieht und windet. «Wind gibt Strom», sagen sie und lachen. 

Die Wismers wollen auf der luzernischen Seite des Hügels, auf der Höchweid, einen Windpark mit drei Windrädern realisieren, zwei davon im Wald. Zuerst jedoch will das Paar wissen, ob es sich überhaupt lohnt, so viel Energie in den Wind zu stecken. Deshalb hat es in den letzten Tagen mithilfe von Nachbarn und einem deutschen Profi einen Windmessmast auf der Höchweid errichtet.

Damit soll während eines Jahres die Windgeschwindigkeit auf unterschiedlichen Messhöhen ermittelt werden. «Dies ermöglicht eine genaue Abschätzung der zu erwartenden Stromproduktion», sagen Priska und Roland Wismer.

Die Chancen für gute Winddaten stünden gut, finden sie. «Der Stierenberg ist exponiert, hier weht häufig ein Westwind.» Klappts mit dem Windpark, würde dieser künftig Strom für über 3000 Haushaltungen produzieren. «Damit können wir die ganze Gemeinde Rickenbach versorgen», sagt Priska Wismer.

Mast von Hand errichtet

85 Meter hoch ist der Windmessmast. Der Aufbau war nicht ganz ohne, dauerte drei Tage und glich einem Orchester: «Dirigent» Torsten Lechner von der deutschen Lieferfirma Ge:Net trägt zwar keinen Frack, dafür eine dicke Jacke und Handschuhe. Seine Wangen sind von der Kälte gerötet. Er steht beim Mast, der bereits halb in der Luft hangelt. «Am Schluss muss er in einem Winkel von 90 Grad stehen», sagt er.

Eigentlich hätte man den Mast mit elektronischen Greifzügen aufstellen können, doch Lechner bevorzugt, dies von Hand zu tun: «So kann man den Mechanismus feiner bedienen.» Für die Handarbeit braucht er jedoch Musiker – in diesem Fall die Familie Wismer und deren Nachbarn: Sie bedienen die verschiedenen Greifzüge, die im Boden verankert und mit dem Mastverbunden sind.

Auf Kommando von Torsten Lechner lösen oder ziehen die Leute die daran befestigten Stahlseile an. «Roland bediene die Nummer 3, Priska die 4 und 5. Roland, jetzt die 2», ruft der «Dirigent» den Wismers immer wieder zu.

Millimeter für Millimeter zieht das Orchester den Mast in die Höhe. Es scheint, als würde dieser bald die vorüberziehenden Wolken berühren können.

Würde Lechner nicht präzise dirigieren, würde das ganze Werk zu fest hin- und herschwingen und vielleicht sogar umfallen. «Zum Glück ist das noch nie passiert», sagt Torsten Lechner. Er wird im nächsten Jahr immer wieder nach Rickenbach kommen, um den Windmessmast, der auf einem Fundament steht und mit den Drahtseilen verbunden bleibt, zu kontrollieren. Je nach Jahreszeit löst oder zieht er diese an. «Sie müssen beweglich bleiben, ansonsten der Mast instabil wird.»

Der Windmast hat bis vor kurzem in Kulmerau seine Dienste geleistet: Die Centralschweizerische Kraftwerke AG plant dort ebenfalls einen Windpark und benützte diesen für Windmessungen. Der Abbruch dauerte zwei Tage.

«Zum Glück spielte das Wetter mit», sagt Priska Wismer. «Hätte es geregnet oder geschneit, hätten wir die Aktion vertagen müssen.» Weil der Mast aus Aluminium besteht, konnte er leicht auseinandergenommen und die Stücke mit Traktor und Anhänger von Kulmerau auf die andere Talseite auf den Stierenberg transportiert werden.

Fledermäuse werden ermittelt

Der Mast auf dem Stierenberg zeigt die Dimensionen eines allfälligen Windrades an. «Dieses wird man in der ganzen Region sehen», sagt Priska Wismer. Je höher ein Windrad sei, desto mehr frische Brise würde es einfangen. Ein Vergleich: Eine 85 Meter hohe Anlage produziert rund 2,4 Gigawatt Strom, ein 110 Meter hohes Windrad das Doppelte.

Die Windgeschwindigkeit wird mit Anemometern, die auf verschiedenen Höhen des Masts angebracht sind, ermittelt. Die Anlage liefere exaktere Daten als eine Windkarte, sagt Roland Wismer. Zudem zeige sie die Turbulenzen an, die auf dem Stierenberg herrschen. «Das ist für die Firma, die Windräder herstellt, wichtig. Denn sie will wissen, welch starke Windkraftanlage sie einmal liefern kann.»

Künftig schwirren auch Fledermäuse auf dem Stierenberg nachts nicht mehr unbemerkt durch die Lüfte: Der Messmast erfasst die Anzahl und Tierarten mit einem Mikrofon. Beim Bau des Windparks will man auf die Nachtschwärmer Rücksicht nehmen und das Windrad wenn nötig bei deren Flugwetter ausschalten. Denn nur allzuschnell könnten sich die Fledermäuse in den Rotorenblättern verfangen und sterben.

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