Uerkheim
«50 Jahre sind genug»: Das Restaurant Alpenblick macht Ende Februar für immer dicht

Nach 125 Jahren in Familienbesitz schliesst das Restaurant Alpenblick – Nachfolger werden keine gesucht. Der grosse Coup gelang Wirtin Alice König vor Jahrzehnten mit der Lancierung des «Poulet im Chörbli», das bis heute abertausende Wandervögel angezogen hat.

Oliver Schweizer
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Verlust für die Region: Viele Familien müssen nun für ihre Sonntagsausflüge ein neues Ziel suchen.

Verlust für die Region: Viele Familien müssen nun für ihre Sonntagsausflüge ein neues Ziel suchen.

ran

Im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, ist ihr sichtlich unangenehm, und fotografiert werden möchte sie schon gar nicht. «Seitdem durchgesickert ist, dass wir Ende Februar schliessen, werden wir regelrecht überrannt mit Anfragen. Es ist mir deshalb eigentlich lieber, wenn wir nicht noch zusätzlich Werbung machen, sonst mögen wir das gar nicht bewältigen».

Wir, das sind Wirtin Alice König und ihre Geschwister Ruth, Margrit, Hans und Peter, mit deren Hilfe sie den Gasthof Alpenblick im Neudorf die letzten 50 Jahre betrieben hat.

Nicht freiwillig Wirtin geworden

Übernommen hat Alice König den Alpenblick, im Volksmund kurz «Älpli» genannt, im jugendlichen Alter von 22 Jahren, als die Eltern überraschend starben. In Familienbesitz ist der Alpenblick indes schon seit 1891, als Alice Königs Urgrossmutter das Restaurant Frohsinn in Hinterwil, besser bekannt als «Seehafen», verliess, um fortan im «Alpenblick» im Neudorf ihr Glück zu versuchen.

Eine Ansichtskarte aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Eine Ansichtskarte aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Archiv/KBZ

In den Anfangsjahren war der Alpenblick nicht nur Wirtshaus, sondern auch eine Art «Quartierlädeli», wo man das Nötigste für den Alltag einkaufen konnte. Sogar eine Art Bäckerei war der «Alpenblick» eine Zeit lang: Da, wo sich heute das kleine Säli befindet, stand einst ein grosser Brotbackofen. Ein grosser Einfallsreichtum und ein geschicktes Anpassen an die Zeit sind wohl Hauptgründe dafür, dass Familie König im «Alpenblick» auf eine erfolgreiche, 125-jährige Geschichte zurückblicken kann.

In früheren Jahren waren Kegelbahn und legendäre Tanzabende im Saal grosse Publikumsmagnete, auch der Brauch der «Eieraufleset» wurde im «Alpenblick» lange Zeit gepflegt, und zur «Metzgete» kamen Gäste aus der weiten Region.

Legendäres «Poulet im Chörbli»

Der wirklich grosse Coup gelang Alice König im «Alpenblick» allerdings mit der Lancierung des «Poulet im Chörbli». Diese liegt zwar bereits Jahrzehnte zurück (so genau will sich Wirtin König nicht mit der Vergangenheit beschäftigen, als dass sie eine Jahreszahl nennen könnte), hat aber den Ruf des «Älplis» seither massgeblich geprägt.

Abertausende Wandervögel haben die rund anderthalb Stunden Fussmarsch von Zofingen beziehungsweise Uerkheim ins Neudorf schon absolviert, um die knusprigen «Güggeli» in ihren Körbchen zu zerlegen, in die sagenumwobene Zaubersauce zu tunken und zu verspeisen.

«Poulet im Chörbli» und «Alpenblick», das sind mittlerweile Synonyme geworden. Was nicht heisst, dass die Pommes dazu nicht auch «speziell knusprig» und lecker gewesen wären, wie ein Stammgast auf Facebook betont.

Jetzt ist endgültig Schluss

Umso grösser der Aufschrei unter den «Älpli»-Fans, als das, was man aufgrund des Alters von Wirtin König und ihren Geschwistern vermuten musste, zur Gewissheit wurde: Ende Februar ist für immer Schluss. Alice König mag nicht mehr: «50 Jahre sind genug!»

Ein Pächter für den «Alpenblick» wird nicht gesucht, und zwar aus gutem Grund, wie Alice König betont: «Ich wohne mit meinen Geschwistern in den oberen Etagen des Gasthauses. Da wäre es natürlich nicht so ideal, wenn der Restaurantbetrieb unter uns weitergeführt würde.»
Wer noch ein allerletztes «Poulet im Chörbli» geniessen möchte, kann dies noch heute und morgen tun. Es empfiehlt sich aber dringend, vorgängig zu reservieren.

Weitherum wurde für Ferien im «Alpenblick» geworben: Das Neudorf stand als Alternative zur Barmelweid zur Debatte

1876 erhielt Samuel Hürzeler, Küfer auf dem Neudorf, von der Regierung die Konzession für die Eröffnung einer Pintenwirtschaft. In späteren Jahren wurde der Gasthof mehr als nur einmal um- und ausgebaut, und für das Restaurant wurde in Illustrierten und Zeitungen schweizweit wegen der schönen Aussicht sowie der guten Luft für Ferien im «Kurhaus Alpenblick» geworben. Dies war wohl ein Grund dafür, dass sich die Aargauer Regierung seinerzeit überlegte, ob nicht das Neudorf statt die Barmelweid ein idealer Standort für eine Lungenheilanstalt wäre.

Der 624 Meter über Meer gelegene idyllische Weiler Neudorf erscheint urkundlich erstmals im Bodenzinsurbar des Amtes Lenzburg von 1607 unter der Bezeichnung «Nüwendorff». Die fünf Zinspflichtigen hiessen Hans Brügel, Rudolf Hürzeler, Heinrich Kraft, Paul Klaus und Beat Studer. 1803 bei der Kantonsgründung gab es im Neudorf 17 Häuser, 28 Haushaltungen und 135 Bewohnerinnen und Bewohner. Übrigens: Die Aussicht in die Alpen bei Föhn ist das grossartige Motiv, welches den damaligen Eigentümer des Gasthofs 1925 zum Namen «Alpenblick» inspirierte. (KBZ)

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