Sondermülldeponie
23 Jahre für einen Haufen Müll: «Eher Generalist als Spezialist»

Jean Louis Tardent, Geschäftsführer der Sondermülldeponie Kölliken (SMDK), legt Wert auf transparente Information und das Vertrauen der Bevölkerung.

Nadia Rambaldi
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1985 wurde ein lokales Problem zum nationalen Politikum: Die Reklamationen wegen der Sondermülldeponie Kölliken nahmen zu. Der Gestank des Wassers und die ungenügende Information vonseiten der Verantwortlichen bewogen die Gemeinde, die Deponie zu schliessen, um Druck auf das Konsortium aufzubauen.

Die Medien stürzten sich auf das Thema, zumal die Schliessung der SMDK die Versorgungssituation für Sondermüll in der Schweiz verschärfte.

Eine unabhängige Expertenkommission begann daraufhin, die Situation rund um die SMDK zu untersuchen, und entdeckte erhebliche Mängel. Um nicht wieder die gleichen Fehler zu machen und die Öffentlichkeit umfassend zu informieren, wurde eine hauptamtliche Ansprechperson für eine befristete Stelle von drei bis vier Jahren gesucht, welche die Deponie so schnell wie möglich wieder in Gang bringen und für Transparenz sorgen sollte.

Der damals 43-jährige Jean-Louis Tardent aus Langenthal hat die Stelle bekommen und zog 1987 zuerst nach Oftringen und später nach Kölliken.

15 Jahre lang wurde versucht, den Müll hinter Drainagen und Dichtwänden zu verbarrikadieren

«Am Anfang dachte man, die Wiedereröffnung sei der richtige Weg. Das Ausmass der Kontamination war damals noch nicht absehbar», erinnert sich Tardent an seine ersten Jahre bei der SMDK. Erst später merkte man, wie verunreinigt die Umgebung rund um die Deponie bereits war. Damit änderte sich auch Tardents Aufgabe:

«Mit Drainagen und Dichtwänden wurde versucht, die Deponie zu sichern. Aber nach einiger Zeit wurde klar, dass ein Rückbau der Abfälle mehr Sinn macht.»

Dieser Reifeprozess bis zur Einsicht, dass die Deponie rückgebaut werden muss, dauerte fast 15 Jahre. Danach fiel der Startschuss für die Sanierung der Deponie, welche Tardent als Geschäftsführer leitete.

Jean Louis Tardent ist in Langenthal aufgewachsen und hat in Burgdorf an der Fachhochschule Chemie studiert. Danach hat er ein Jahr im italienischen Mestre in der Aluminium-Industrie gearbeitet. Die Idee war, dass er mit dieser Firma einen Standort in Australien aufbauen soll, was sich aber zeitlich verzögerte.

Tardent sprang ab und ging nach Basel, diesmal in die Lebensmittelindustrie. In Basel und auch in Deutschland hat er für Thomy Mayonnaise, Senf und Incarom-Kaffee entwickelt.

Aus «drei oder vier Jahren» wurden schliesslich 23

Die Sondermülldeponie Kölliken kannte Tardent bereits, bevor er dort als hauptamtliche Ansprechperson anfing. Nach seiner Arbeit für Thomy begann er in Brügg bei Biel die Sonderabfallverwertungs-AG Sovag aufzubauen. «Die Batterien musste ich damals nach Kölliken liefern. Das war in der Schweiz die einzige Möglichkeit», erzählt Tardent. «Nun graben wir sie wieder aus.»

Als er das Stelleninserat für den Job bei der SMDK sah, habe er sich sofort beworben. Obwohl es für ihn als Oberaargauer nicht so einfach gewesen sei, in den nebligen Westaargau zu ziehen. «Meine Frau und ich dachten damals, es sei ja nur für drei bis vier Jahre. Nun sind 23 daraus geworden.» Es sei vor allem die Vielseitigkeit seiner Tätigkeit gewesen, die ihm gefallen habe und immer noch sehr gefällt.

In den letzten 23 Jahren sei er mit den verschiedensten Disziplinen in Kontakt gekommen. «Der Hoch- und Tiefbau auf der Deponie, der Stollenbau, der Brunnenbau, der Bau einer Kläranlage, das Ingenieurwesen, der ganze wissenschaftliche Hintergrund und auch die Analytik der Stoffe. Das alles macht den Job sehr interessant», sagt Jean Louis Tardent.

Mit jedem neuen Problem in der Deponie sei auch wieder eine neue Herausforderung dazugekommen. «Ich habe in den letzten 23 Jahren sehr viel gelernt.»

Auch mit dem Brand in der Halle im 2008 habe man einiges dazugelernt. Es habe zwar bereits vorher Rauchentwicklungen im Schwarzbereich gegeben, auf einen solchen Brand sei man aber nur in der Theorie vorbereitet gewesen. Der Zwischenfall führte zu einem halbjährigen Stillstand der Arbeiten.

«Meine Erfahrung ist, dass sich bei Wendepunkten im Leben immer neue Lösungen abzeichnen.»

«Im ersten Moment ist so ein Zwischenfall sehr lähmend», erklärt Tardent. «Es herrscht Angst und Unsicherheit und man fragt sich, ob man so überhaupt weiterarbeiten kann. Nach getroffenen Abklärungen und eingeführten Sicherheitsmassnahmen rückt die Angst richtigerweise wieder in den Hintergrund.» Wichtig bei solchen Zwischenfällen sei auch, die Öffentlichkeit umfassend und transparent zu informieren. Das sei in den 80er-Jahren noch anders gewesen.

Tardent erinnert sich, dass der öffentlich aufgelegte Expertenbericht nach der Schliessung der SMDK 1985 im Gemeindehaus an der Wand angekettet war: «Die Leute mussten den Bericht stehend in einer Ecke lesen und durften ihn nicht einmal mit in die Sitzecke nehmen.» Mit Tardent als Geschäftsführer änderte dieser Umstand. Er bemühte sich stets, Transparenz zu wahren und die Wahrheit zu vermitteln: «Nur so konnte ich das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen.»

Heute, mit bald 67 Jahren, steht Tardent kurz vor seiner Pensionierung. Diese wäre eigentlich bereits vor eineinhalb Jahren fällig gewesen, doch Tardent wollte den Betrieb kurz nach Ende der 1. Rückbauetappe noch nicht verlassen, sondern auch noch bei der 2. Etappe mithelfen. «Ich will den Betrieb mit Hand und Fuss übergeben», erklärt er. Er wird seine Arbeit Ende Jahr an Dr. Benjamin U. Müller, den derzeitigen Gesamtprojektleiter, übergeben.

Was er nach seiner Pensionierung machen wird, weiss er noch nicht. Er geht aber davon aus, dass er eine neue Lebensaufgabe finden werde: «Meine Erfahrung ist, dass sich bei Wendepunkten im Leben immer neue Lösungen abzeichnen.» Ein spezielles Hobby habe er nicht, er sei in dieser Hinsicht eher ein Generalist als ein Spezialist. «Ich lese viel, reise und wandere gerne und fahre gerne Ski.»