Muhen
20 Jahre Strohdachhaus – die Herzensangelegenheit von Anna und Hansruedi Moser

Seit zwei Jahrzehnten kümmert sich das Ehepaar Moser um das historische Strohdachhaus in Muhen. Der Charme des 1720/1721 errichteten Holzhauses ist einzigartig.

Katja Schlegel
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Anna und Hansruedi Moser blicken in die Stube ihres Herzstückes, des um 1720/1721 gebauten Strohdachhauses.Chris Iseli

Anna und Hansruedi Moser blicken in die Stube ihres Herzstückes, des um 1720/1721 gebauten Strohdachhauses.Chris Iseli

Chris Iseli

Da war der Wurm drin. Wie Adern ziehen sich die feinen reingefressenen Gänge durch das Holz. Und wenn man sich hinsetzt, fährt einem der Schreck in die Knochen, so sehr gibt das Brett nach. Aber es sitzt sich gut auf dem Bänkli, blankpoliert von abertausend Hintern. «Manchmal wäre es schön, das Bänkli könnte reden», sagt Hansruedi Moser. Keiner weiss, wie alt das Bänkli ist und wie lange es hier schon steht. «Aber zu erzählen hätte es allerlei, da bin ich mir sicher.»

Das Bänkli steht vor dem Müheler Dorfstolz: Dem Strohdachhaus, das eigentlich kein Strohdachhaus mehr ist, weil es inzwischen mit Schilf gedeckt wurde. «Wegen der Viecher», seufzt Anna Moser. Viecher habe es trotzdem, Schlupfwespen zum Beispiel. Und auch die Vögel haben schon wieder am Schilf gezupft. Hansruedi Moser zuckt mit den Schultern. «Es gibt immer was zu tun.»

Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.
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Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.
Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.
Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.
Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.
Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.
Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.
Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.
Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.

Anna und Hansrudolf Moser hüten und hegen seit 20 Jahren das Strohdachhaus in Muhen.

Chris Iseli

So ist es den beiden recht. Seit 1997 kümmern sich Anna und Hansruedi Moser (69 und 68) intensiv um das Haus, 2000 haben sie die Schlüssel von Vorgänger Kari Gautschi übernommen. 20 Jahre Strohdachhaus, eine Herzensangelegenheit. Damals, in den Neunzigerjahren, noch eine, die Spuren hinterliess. Denn angefangen hat alles mit Putzen. «Manchmal war ich danach ganz schwarz im Gesicht», sagt Anna Moser. «Und man hat daheim noch nach Strohdachhaus gerochen.» Der modrige Geruch des alten Hauses hatte sich jeweils in den Kleiderfasern festgesetzt.

Selbst für die Seele gibts eine Luke

Heute ist das anders. Das Haus wird regelmässig gelüftet, die Vorhänge und Decken gewaschen, das Stroh in den Betten gewechselt. Auf dem Tisch in der Stube steht sogar ein Strauss Heublumen, wenn auch aktuell aus Stoff und Plastik. Denn noch herrscht im Strohdachhaus tiefster Winter.

Es ist bitterkalt, die Frühlingswärme hat sich noch nicht durch das Schilf kämpfen können. Dazu hat es überall Löcher und Spalten, durch die die kühle Luft von der Schattenseite und von unter dem Dach hereinzieht: In der Küche plätschert das Wasser vom Schüttstein direkt durch ein Loch in der Hauswand nach draussen, im Abstellkämmerchen im Obergeschoss ist das Fenster nicht mit Butzenscheiben, sondern bloss mit ein paar Holzstreben versehen. Selbst für die Seelen der Verstorbenen gibt es ein Loch zum Entschlüpfen ins Freie, ein sogenanntes «Seeleschieberli».

Heiraten im Strohdachhaus

Aktuell steht im Strohdachhaus der Frühlingsputz an, am 2. April wird die Saison eröffnet. Eine ganz besondere Saison für Anna und Hansruedi Moser: Ab der Eröffnung ist das Strohdachhaus auch ein Traulokal. Noch habe sich kein Brautpaar für die alte Stube entschieden, sagt Anna Moser. «Aber wenn denn eines kommt, lasse ich mir für die Dekoration etwas ganz Besonderes einfallen.» Für Besucher ist das Haus an der Hardstrasse jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet, übrige Zeit nach Vereinbarung.

Am Brand vorbeipedalt

«Eine schöne Idee», findet Anna Moser das. Sowieso findet sie, dass früher vieles viel schöner war. Nicht nur der Umgang mit dem Tod, auch der ausgeprägte Familiensinn, die Mode mit den Jupes, Schürzen und Blusen, mit den wollenen Unterröcken und Ganzkörperanzügen mit Knöpfen zwischen den Beinen. Und natürlich gefällt ihr die Ambiance des fast 300-jährigen Hauses, die tief hängenden Decken, die unebenen Lehmböden, die Butzenfenster, die russgeschwärzten Balken.

Hier, unter 28 Tonnen Schilf, fühlt sie sich wohl, fast ein wenig daheim, es erinnere sie an den Urgrossvater im Emmental. «Das Haus ist mein Herzstück.» Angst in dem doch recht düsteren Haus macht ihr nichts mehr. Auch wenn Anna Moser manchmal nicht alleine ist, obwohl keiner aus Fleisch und Blut da steht. «Es gibt einen Hausgeist», sagt sie, manchmal lasse der das Haus ganz furchtbar knistern und knacken. Aber er gehöre zum Haus dazu, wie all die Töpfe, Betten und Kachelöfen auch. «Er ist ein guter Geist, aber ich bin froh, wenn er mir nicht zu nahe kommt», sagt sie und lacht.

Hansruedi Moser ist das Haus schon als Schulbub ans Herz gewachsen, wenn auch wegen eines schlimmen Ereignisses: Als Ausläufer für die Oberentfelder Apotheke Wieland war er just an diesem Nachmittag 1961 in Muhen unterwegs, als ein Brandstifter beim Strohdachhaus Feuer legte. «Ich kam da zufällig vorbei, noch bevor die Feuerwehr da war», sagt er. «Ich sah, wie sich die Flammen langsam durchs Stroh frassen», das vergisst man nicht mehr.»

Das Feuer legte das mächtige Haus in Schutt und Asche, einzig der Wohnteil konnte gerettet werden. Der Rest wurde rekonstruiert. Heute findet sich unter dem gewaltigen Walmdach auch das Dorfmuseum mit einem wunderbaren Allerlei aus Barttrimmer, Holzskier, Wurstpressen und bemalten Zuckerdosen, Überseekoffern und Rechenmaschinen, Zaumzeug und Feuerwehrkessel. Hunderte Gegenstände, alles geschenkt, nichts gekauft.

Ab ins Stroh-Bett

Die Stunden, die Anna und Hansruedi Moser in den letzten 20 Jahren in all das gesteckt haben, sind ungezählt. «Eigentlich sind wir jeden Tag hier», sagt Anna Moser und ihr Mann nickt. Manchmal werde es so spät, sagt er, dass er sich kurzerhand im Haus im Zimmer neben der Stube auf der mit Stroh gefüllten Matratze ausstreckt. «Es schläft sich gut auf Stroh», sagt er und lacht.

Zu streng sei ihr die Arbeit nicht. Sie sei jemand, dem nichts zu streng sei, sagt Anna Moser. «Ich mag alles und jeden, deshalb mache ich das so gern.» Wegen der alten Gegenstände, die sie so schätzt, wegen der Besucher, die sich über ein hübsch hergerichtetes Haus freuen, wegen der Erinnerungen, die all das wecken.

Und Hansruedi Moser als pensionierter Dachdecker mag das Werkeln ganz besonders. Deshalb nimmt er zwei Mal im Monat mit einer Gruppe Freiwilliger den Werkzeugkoffer hervor und flickt, was es zu flicken gibt. «Das muss den Leuten erhalten bleiben, das darf nicht verlottern.» Und deshalb denken die beiden auch nach 20 Jahren gar nicht erst daran, damit aufzuhören. «Wir machen weiter. Mindestens noch einmal so lange.»