Was haben ein Sparschäler, ein Motorsägeblatt, eine Velokette und die Klinge einer Schafschere gemeinsam? Sie alle werden aus kaltgewalztem Bandstahl der Firma Kaltband AG hergestellt. Ob in der Schweiz, Europa, Amerika, China oder Australien – das Reinacher Industrieunternehmen beliefert Kunden in der ganzen Welt.

Obwohl die Kaltband AG seit über 50 Jahren im Reinacher Moos zu Hause ist, weiss kaum jemand, was in den Produktionshallen genau vor sich geht. Jetzt, wenn die Gemeindeversammlung im November über die Umzonung von Landwirtschaftsland zu befinden hat, damit sich das Industrieunternehmen vergrössern kann, dürfte dies aber viele Reinacher interessieren.

Keine Hinterwäldler

Dass sich ein Unternehmen im «Alzbach» erfolgreich hält und seit Jahrzehnten zum Standort Reinach bekennt, freut nicht nur die Gemeinde Reinach, sondern auch 115 Arbeitnehmer aus der Region. «Ich wehre mich einfach dagegen, dass wir aus der Region aargauSüd als Hinterwäldler bezeichnet werden», sagt Geschäftsführer Michael Lüthi (63). Seit er 24 Jahre alt ist, führt er die Kaltband AG. Gekauft hat er sie zusammen mit seiner Schwester Anne Rose Maurer vom Vater Friedrich Lüthi. Heute gehören Michael Lüthi 47 Prozent der Aktien (78 Prozent der Stimmrechte).

Vater Friedrich Lüthi ist seinerzeit als Auslandschweizer aus Deutschland zurückgekehrt und hat die Firma Kaltband AG 1966 gegründet. «Damals hatte er mehrere gebrauchte Maschinen gekauft, sie revidiert und hier in einer Halle mit drei Leuten angefangen, zu produzieren», erzählt Michael Lüthi, der in Menziken aufgewachsen ist. Diese Halle steht noch heute.

In 15 Minuten auf der Autobahn

Während immer mehr Unternehmen, die im oberen Wynental ansässig waren, Reinach den Rücken kehrten und den Standort ins Ausland verlegten, hielt die «Kaltband» an Reinach fest. Es sei zwar nicht der beste Standort, so Lüthi, angesprochen auf die verkehrstechnische Lage, aber: «In Amerika fahren sie 50 Minuten, nur um beim Metzger ein Stück Fleisch zu kaufen.» Der Autobahnanschluss in Sursee sei aber von Reinach aus in nur 15 Minuten erreichbar. «Die paar Kilometer sind gemessen an der ganzen Lieferstrecke unserer Produkte absolut vernachlässigbar», so der Geschäftsführer weiter.

Was dem Unternehmen fehlt, ist der Bahnanschluss. So verlädt die Kaltband AG jährlich etliche Tonnen Material auf Lastwagen: «Jährlich 25 000 bis 30 000 Tonnen rein, jährlich 25'000 bis 30'000 Tonnen raus.» Der Rohstoff wird zu 100 Prozent importiert, 60 Prozent werden verarbeitet wieder exportiert.

Zurzeit seien die Lager jedoch voll. Weil die Schifffahrt wegen des niedrigen Rheinpegels eingestellt sei, würden alle auf die Bahn ausweichen. Dies führe zu Lieferverzögerungen: «In den nächsten drei Wochen geht Richtung Amerika nichts raus», so der Unternehmer, der sich im Organigramm als Geschäftsführer bezeichnet.

Besuch in Reinach aus aller Welt

Die Kaltband AG verfügt über zwei Tochtergesellschaften. Eine in Mailand, die andere in Amerika – produziert wird aber ausschliesslich am Standort Reinach. «Von Mailand aus betreuen wir den italienischen Markt und die Oststaaten», sagt Michael Lüthi. Er fliegt mehrmals pro Jahr zu Kunden auf der ganzen Welt. Aber auch in Reinach empfängt er regelmässig seine internationale Kundschaft und Lieferanten.

Der starke Franken ist eine grosse Herausforderung. «Für uns kann der Franken gar nie schwach genug sein», erklärt Lüthi. Hat er sich schon überlegt, die Produktion ins Ausland zu verlegen? «Viele Faktoren haben uns davon abgehalten», so Lüthi. Zwar sei dies im Zuge der Erweiterung ebenfalls geprüft worden. Auch ein Joint Venture sei infrage gekommen. «Die Lohnkosten wären sicherlich tiefer, aber dafür müssten wir unser Know-how rausgeben.»

Nicht zuletzt deshalb will das Unternehmen mit einem prognostizierten Jahresumsatz von 62 Millionen Franken (2018) im oberen Wynental bleiben. Mit der jetzigen Betriebsgrösse stösst die «Kaltband» aber an ihre Kapazitätsgrenze. Zum einen wegen der hohen Auslastung der Produktionsanlage, zum anderen zeichnet sich ab, dass in Zukunft die Aufträge weiter ansteigen werden. Dies macht eine Vergrösserung zwingend notwendig: «Wenn an einer wichtigen Maschine etwas kaputtgeht, stehen wir ein Jahr lang still», erklärt Lüthi. Der Bau eines neuen Walzgerüsts dauert zweieinhalb Jahre. Mit der geplanten Expansion soll ein zusätzliches Werk gebaut werden. So kann nicht nur das Risiko minimiert, sondern können auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden – 20 bis 40 zusätzliche Stellen werden es am Schluss sein. «Es sind hochwertige Arbeitsplätze», präzisiert Lüthi. Man müsse etwas auf der Platte haben, um in der Produktion arbeiten zu können – Hilfsarbeiter beschäftigt das Unternehmen kaum mehr. Seine Mitarbeiter schult das Unternehmen über Jahre intern.

Ein grosser Schritt

Mit ihren Plänen bekennt sich die Kaltband AG zum 23'000 Quadratmeter grossen Standort in Reinach. Alleine in den letzten sechs Jahren investierte sie über 30 Millionen Franken – mit der Erweiterung kämen bis zum Endausbau Investitionen gegen 50 Millionen Franken dazu. Voraussetzung dafür ist das Ja an der Reinacher Gemeindeversammlung am 21. November.

«Die Expansion wäre ein sehr grosser Schritt für uns», sagt der dreifache Familienvater Michael Lüthi. Zurzeit sind zwei seiner Kinder im Unternehmen tätig. Ob die Nachfolge von Michael Lüthi familienintern geregelt werden kann, ist offen.