Unterkulm
1-Franken-Shop kommt in neue Hände

Hans Grau gründete den Laden vor vier Jahren. Leben kann man davon nicht – trotzdem macht sein Sohn jetzt weiter.

Jürg Nyffenegger
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DJ Hansi hat den 1-Franken-Shop seinem Sohn Marcel Grau übergeben.

DJ Hansi hat den 1-Franken-Shop seinem Sohn Marcel Grau übergeben.

Jürg Nyffenegger

Hauptstrasse 40 in Unterkulm: Ein unscheinbares Haus, eine Abbruchliegenschaft, einst eine beliebte Bäckerei. Und doch strahlt dieses Haus etwas Besonderes aus.

Auf dem Vorplatz steht ein schwarzer Bürostuhl, daneben ein in die Jahre gekommener, aber durchaus gebrauchsfertiger Kindersitz, hinten, vor dem Schaufester, stapeln sich allerlei Gegenstände, die einst irgendjemandem gehört haben und von ebendieser Person zweckdienlich genutzt worden sind.

Etwas weiter entfernt entdeckt der Beobachter eine elektrische Schreibmaschine, die noch einsatzfähig zu sein scheint. Dass es sich nicht um Ware handelt, die nur noch auf den Entsorgungswagen wartet, erkennt man an der liebevollen Präsentation. «1.- Shop» steht in grossen Lettern auf mehreren Plakaten.

Das alles gehört Hans Grau, manchen bekannt unter dem Künstlernamen DJ Hansi. DJ Hansi ist ein Schlagerliebhaber, und deshalb legt er an allerlei Festivitäten Schlager auf. Hier macht er etwas ganz Anderes, und das nicht unbedingt freiwillig.

Als Hans Grau 58 wurde, hat sein Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit ihm, dem Aussendienstmitarbeiter, beendet. Zu teuer sei er und zu alt, erinnert sich der heute 63-Jährige Frührentner. Deshalb hat er eine Idee entwickelt und umgesetzt: «Meine Idee war eigentlich ganz simpel», erzählt er. «Wer umzieht oder wenn ein Haus aus anderen Gründen entrümpelt oder gar ganz geräumt wird, gibt es Dinge, die man wegwirft, ganz einfach, weil man sie nicht mehr braucht. Das ist ökologisch fragwürdig. Deshalb habe ich angeboten, solche Waren entgegenzunehmen und zu verkaufen. Der Lieferant braucht keine Entsorgungsgebühr zu zahlen, der Kunde erhält etwas, das er brauchen kann, vielleicht schon lange gesucht hat.»

Zu Beginn lud Hans Grau die Kunden ein, soviel zu bezahlen, wie sie wollten. «Das war schwer zu kommunizieren, zumal ich viele fremdsprachige Kunden hatte und habe», sagt der innovative Anbieter. Er hat das ursprüngliche Konzept geändert. Jetzt bezahlt der Abnehmer für jedes von ihm ausgewählte Produkt einen Franken, nicht mehr und nicht weniger. Vom 1-Franken-Shop kann man nicht leben, aber er wirft nach Abzug der Miete und der Nebenkosten dennoch einen Ertrag von ein paar hundert Franken ab.

«Viele Kunden sind dankbar für das Angebot, in erster Linie Ausländerinnen und Ausländer mit wenig Geld. Ich habe nie Probleme mit ihnen, sie sind freundlich, dankbar, und sie bezahlen immer», sagt sich Hans Grau. Eben betritt ein älteres, fremdländisches Ehepaar das Innere des Ladens, ein Inneres voller kleiner Kostbarkeiten: Gläser, Kristall, Spielsachen, Kleider. Aufs Bild will es nicht, das Paar, das zwei Sonnenschirme und allerlei Anderes, was ihm nützlich scheint, kauft. Der Mann will sogar den Fotoapparat des Berichterstatters mitnehmen, für einen Franken, versteht sich. Ein anderer Kunde, der von sich sagt, eine künstlerische Ader zu haben, findet Bücher und Schallplatten. Übrigens sei er ein Zufallskunde, habe den Laden vorher nicht gekannt. Manchmal ereignet sich Lustiges und Skurriles. So wollte eine Frau einen Kinderwagen mitnehmen und legte den Franken auf die Theke. Nur, der Kinderwagen gehörte einer Kundin und es lag ein Baby drin.

Jetzt hat Hans Grau das Geschäft seinem Sohn übergeben, will etwas kürzer treten. Marcel legt sich mit Begeisterung ins Zeug, ist motiviert, das einzigartige Angebot weiterzuführen. «Abendverkauf gibt es nicht», sagt er, «denn fünfmal in der Woche trainiere ich Kung Fu.

Der 1-Franken-Shop, der von Montag bis Freitag nachmittags von 13 bis 16 Uhr offen ist, wird gut besucht. Wie lange er am jetzigen Standort betrieben werden kann, ist ungewiss. Die Liegenschaft ist schon mehrmals verkauft worden, und niemand weiss, was damit geschehen soll.