«Schreibt nicht über den ‹sympathischen› Bundesrat. Schreibt, welches Verhalten und welche Haltungen ihn sympathisch machen. Zeigen müsst ihr, nicht behaupten!»

Wie Schwämme saugen die 16 Jungjournalisten Erwin Kochs Worte auf. Er äussert sie in der Villa Ringier an der Römerhalde. Hier, in diesen von Sonnenlicht getränkten Räumen über Zofingen, entscheidet der Ringier-Verwaltungsrat nach wie vor zwei Mal im Jahr über die Geschicke des Traditionshauses. Gemessen an Raumangebot, Ausblick und Ruhe ist das noch immer die beste Wohnlage von ganz Zofingen. Stattdessen zieht Ringier hier vielversprechende Talente für Print, Online und Radio nach.

Unausweichliches Drama

Die 22 bis 32 Jahre jungen Journalisten wissen, weshalb sie so genau hinhören. Gebannt haben sie soeben einer Reportage – oder vielmehr einem Kabinettstück – gelauscht. Dabei hatte sich im Raum noch kurz davor eine spürbare Wand von Skepsis aufgebaut, als der mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis dekorierte Koch 20 Minuten Redezeit beansprucht hatte. Was, so lange sollen wir zuhören? Wir, die wir kaum je mehr als 2-Minuten-Lesestoffe produzieren? Und ob!

Kochs Geschichte von Angela und Andrej aus Moldawien ist die «eines einfachen Traumes, für den die Welt zu schwierig war». Zielstrebig enthüllt er hier in gemeisselt knappen Sätzen ein ebenso unausweichliches wie fesselndes Drama. Das Paar ringt über Jahre hinweg um jedes Scherflein Geld. Er arbeitet in der Kolchose, leistet Militärdienst, verdingt sich auf jedmögliche Art. Und doch haben sie immer zu wenig. Er verkauft seine Niere für 3000 Dollar. Die dreifache Mutter reist mit gefälschten Pässen um Arbeit nach Italien. Dort erleidet die Erschöpfte eine Hirnblutung, kommt todkrank nach Hause, stirbt. Die Sätze sind kurz. Die Sprache greift ans Herz. Kochs warme Stimme füllt den Raum. Sonst bleibt alles stumm.

Entscheiden und fokussieren

«Ja, ich verliebe mich immer wieder in die Personen, die ich porträtiere. Doch im Schreibprozess entliebe ich mich auch wieder.» Erwin Kochs Passion, sich Stoffe anzueignen, sie zu gestalten und auch wieder abzulegen, ist für die jungen Frauen und Männer greifbar.

«Wie fängst du die Geschichte an?», fragt eine der jungen Frauen. Der Dozent: «Ich entscheide, fokussiere, starte mit dem Kern der Geschichte, erzeuge Atmosphäre. Die Einstiegsszene, als sie ihm mit 13 Jahren das Küssen beibringt, passt.» Einer aus der Runde fragt: «Deine Reportage ist voller Details. Du erwähnst die Blutgruppen der beiden. Was entscheidet über die Verwendung solcher Informationen?» Koch hat hierzu eine differenzierte Haltung. Details und Fakten seien entscheidend. Sie würden die Glaubwürdigkeit der Geschichte stützen. «Auf Aspekte, die die Geschichte nicht tragen,ist zu verzichten», meint er.

Auch Studienleiter Hannes Britschgi sitzt im Raum. Alle duzen sich in diesen herrschaftlichen Räumen, wo es darum geht, den Sinn für Geschichten zu schärfen. «Wie hältst du die Gespräche fest?», will er wissen. Koch dazu: «Intensive Gespräche zu Familiendramen nehme ich auf. Ich muss den Leuten in die Augen schauen. Nur so werde ich Teil der Geschichte. Auch mir steigen dabei manchmal die Tränen in die Augen.»

Koch verlangt bis Freitag eine Reportage von den Schülern. «Geht mit einem Thema schwanger. Geht irgendwohin, wo etwas läuft. Schafft Atmosphäre. Arbeitet mit Rückblenden. Nehmt am Schluss den roten Faden vom Anfang wieder auf.» Und da stehen sie dann, am Freitag. 16 Jungjournalisten, die hoffentlich nicht bloss behaupten. Sondern solche, die Geschichten aus dem Leben destillieren und fassbar machen können.