Wirtschaftssymposium Aargau
«Niemand will die lederne Medaille haben, das treibt uns an»

Das erste Wirtschaftssymposium Aargau nach einer coronabedingten Pause bringt verblüffende Erkenntnisse von Unternehmerinnen und Unternehmern im Umgang mit der Pandemie.

Mathias Küng
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Wirtschaftssymposium Aargau im KuK Aarau. Von lionks: Thomas Binggeli, Sunnie J. Groeneveld, Susanne Steiger-Wehrli und Moderator Franz Fischlin im Gespräch.

Wirtschaftssymposium Aargau im KuK Aarau. Von lionks: Thomas Binggeli, Sunnie J. Groeneveld, Susanne Steiger-Wehrli und Moderator Franz Fischlin im Gespräch.

Fabio Baranzini

Eineinhalb Jahre lang musste das Wirtschaftssymposium Aargau pausieren – wegen Corona. Um so beeindruckender war der grosse Aufmarsch von Interessierten in Aarau, als es mit Coronazertifikat, dafür ohne Maske, wieder möglich wurde. Einen Stau beim Eingang gab es nicht. Kein Wunder, führten doch ein halbes Dutzend Securitasleute die Zertifikatskontrolle sehr speditiv durch. Das Symposium stand unter dem Motto «Zurück zu unseren Stärken: Zusammenhalt, Mut, Ausdauer.»

Aaraus Stadtammann Hanspeter Hilfiker bei der Begrüssung.

Aaraus Stadtammann Hanspeter Hilfiker bei der Begrüssung.

Fabio Baranzini

Dazu gab der Aarauer Stadtammann Hanspeter Hilfiker bei der Begrüssung zu bedenken, Corona betreffe in irgend einer Weise alle. Auch habe man im Home Office erkannt, wie wichtig informelle Treffen sind. Der Zusammenhalt – so Hilfiker mit Blick auf das Symposiums-Motto – werde derzeit auf die Probe gestellt. Das sehe man täglich an den Schlagzeilen und an Demonstrationen. Er hoffe, am Podium Hinweise zu bekommen, wie man wieder zusammen finde.

Die Soziologieprofessorin Katja Rost zu Corona.

Die Soziologieprofessorin Katja Rost zu Corona.

Fabio Baranzini

Frauen machten vor Corona und auch jetzt am meisten im Haushalt

In einem Impulsreferat legte die Soziologieprofessorin Katja Rost von der Universität Zürich Erkenntnisse von Corona im Alltag und im Beruf vor. So sagten viele Frauen, sie seien im Home Office überfordert, weil noch die ganze Familienarbeit dazu komme (etwa wenn die Kinder daheim sind statt in der Schule und die Männer meist wenig helfen). Die Frauen machten am meisten im Haushalt. Das sei vor Corona so gewesen und jetzt auch.

Dass die Reaktionen zu den Anticorona-Massnahmen weit auseinander gehen, erstaunt sie nicht. Schon bei früheren Impfkampagnen (etwa bei der Pockenimpfung) war das so. Der Unterschied zu früher sei, dass heute via soziale Medien auch Hass geschürt wird. Viele bewegten sich dort in ihrer eigenen Bubble. Die Folgen seien Stereotypisierung und Intoleranz.

Sunnie J. Groeneveld musste mit ihrem Studiengang von heute auf morgen vom Hörsaal ins Internet wechseln.

Sunnie J. Groeneveld musste mit ihrem Studiengang von heute auf morgen vom Hörsaal ins Internet wechseln.

Fabio Baranzini

Groeneveld: auf das fokussieren, was man kann

In einem von Fischlin geschickt moderierten Gespräch legten zwei Unternehmerinnen und ein Unternehmer dar, wie sie mit Corona umgehen. Sunnie J. Groeneveld leitete einen Studiengang zur digitalen Transformation. Sie musste man von heute auf morgen vom Hörsaal ins Internet wechseln. Schliesslich reiste man halt virtuell in andere Länder, schaltete Auskunftgeber von dort zu. Das ging. Wichtig in solchen Zeiten ist, so Groeneveld, «auf das zu fokussieren, was man machen kann und wo man Wirksamkeit hat, und nicht auf das, das man nicht machen kann».

Thomas Binggeli: Machen ist wie wollen, nur viel krasser.

Thomas Binggeli: Machen ist wie wollen, nur viel krasser.

Fabio Baranzini

Von heute auf morgen war Schluss mit bike expo

Völlig auf dem falschen Fuss erwischt wurde Thomas Binggeli, Inhaber von Thömus AG in Oberried. Als Corona kam, lief grad die bike expo. Man hoffte auf Tausende Besucher. Doch von heute auf morgen war Schluss. Binggeli: «Da realisierten wir, dass die Digitalisierung nicht unsere Stärke ist.» Danach mussten sie viel lernen. Mit Digitalisierungs- und Marketingexperten, und mit Jungen inklusive Lehrlingen fragten sie sich: «Wie kommen wir in die Stuben, um den Leuten unsere Produkte vorzustellen?» Sie schafften es. Binggeli dazu: «Machen ist wie wollen, nur viel krasser. Damit das aber möglich ist, braucht es den Mut, auch mal Fehler zu machen, und die Ausdauer, dran zu bleiben. Das ist nur mit einem starken Team möglich.»

Susanne Steiger-Wehrli: Wollen an der Spitze sein, Topqualität liefern

Susanne Steiger-Wehrli: Wollen an der Spitze sein, Topqualität liefern

Fabio Baranzini

Steiger-Wehrli: Kopf hoch, wir gehen zusammen weiter

Offenen Szenenapplaus bekam Susanne Steiger-Wehrli, eidgenössisch diplomierte Winzerin und Mitinhabern der Wehrli Weinbau AG in Küttigen. Sie hatte wegen Corona schlaflose Nächte, fragte sich anfänglich, ob die Leute in so schwierigen Zeiten überhaupt ein Luxusprodukt wie Wein kaufen. Zur Ablenkung schaute sie manch einen Krimi. In Küttigen nutzten sie die Herausforderung Corona, um den Betrieb durchzuchecken: «Was brauchts, was nicht? Was ist wichtig, was nicht? Was kann warten?» So habe man den Betrieb optimiert.

Und kam auf eine einzigartige Idee. Sie verteilten Hunderte Geschenkpakete mit Wein, brachten sie Gewerblern persönlich vorbei, da viele sehr bedrückt waren. Die Botschaft, so Steiger-Wehrli: «Kopf hoch, gemeinsam schaffen wir das, wir gehen alle zusammen weiter, es gibt kein Stehen bleiben.» Die Resonanz war enorm positiv.

Was treibt Wehrli-Steiger an? «Niemand will den vierten Platz, die undankbare lederne Medaille. Das spornt an, innovativ und kreativ zu sein.» Auch sie will an der Spitze sein, Topqualität liefern. Steiger-Wehrli unter Applaus: «Es gibt keinen Grund, dabei wegen der Pandemie weniger Leidenschaft zu zeigen.»

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