Kantonsspital Baden
«Wir müssen hinschauen und darüber reden»

Am Kantonsspital Baden (KSB) wird ein Jubiläum gefeiert: Die Wundberatung wird 10 Jahre alt – sie ist längst zur Institution geworden, auch wenn es nach wie vor Vorurteile gegenüber der Disziplin gibt.

Elisabeth Feller
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Wundberaterin Doris von Siebenthal und Andreas Keerl, Leitender Arzt Chirurgie, Kantonsspital Baden. ZVG

Wundberaterin Doris von Siebenthal und Andreas Keerl, Leitender Arzt Chirurgie, Kantonsspital Baden. ZVG

«Wir müssen hinschauen und darüber reden.» Doris von Siebenthal, Leiterin Wundberatung am Kantonsspital Baden, macht eine kleine Pause und gibt da-
mit ihrem Gegenüber Gelegenheit, das Gesagte zu überdenken. Dabei mutet die Wundberatung als Thema unspektakulär an. Weil die Beschäftigung mit Wunden vielen Menschen auf den Magen schlägt? Weil diese Wunden als «gruusig» empfunden werden?

Doris von Siebenthal weiss um gängige Vorurteile. Wer ihr zuhört, merkt aber, dass eine Wunde auch anders als «gruusig» wahrgenommen werden kann. Die Pflegefachfrau begann sich vor Jahren für das Thema Wunden zu interessieren. Mitte der Neunziger bekam sie dann vom KSB den Auftrag, die Dokumentation Wundbehandlung zu verbessern. Damals, sagt sie, habe sie gemerkt: «Was wissen wir von Wunden? Wie behandeln wir einen Menschen mit einer Wunde, die nicht auf eine Operation zurückzuführen ist?»

Fragen, die nach Beantwortungen riefen und die nach Jahren der Ideenreifung 2002 zur Gründung der Wundberatung im KSB führten. Die anfängliche 60-Prozent-Stelle wurde 2004 um zusätzliche 100 Prozent aufgestockt und heute, im Jubiläumsjahr, teilen sich fünf Pflegefachfrauen 340 Stellenprozente: Die Wundberatung ist also etabliert, ist eine Institution. «Als ich anfing, gab es praktisch keine Literatur zum Thema Wunden; heute sieht es diesbezüglich ganz anders aus», sagt Doris von Siebenthal und verweist in diesem Zusammenhang auch auf die intensivierte Forschung. Zudem gibt es seit 2004 in der Schweiz eine Ausbildung zur Wundexpertin.

«Chronische Wunden sind schmerzhaft»

Was aber macht die Wundberatung? Doris von Siebenthal erzählt zunächst einmal von so genannt offenen Beinen (weil diese dem Laien zuerst in den Sinn kommen) und schwer heilenden Wunden, beispielsweise als Folge von Diabetes. «Schwere, chronische Wunden sind schmerzhaft und haben deshalb einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität im Alltag der Betroffenen.» Kein Wunder, erheischen Wunden eine sorgsame, mitunter lange Betreuung – sei es im stationären oder im ambulanten Bereich.

Stationär nimmt die Wundberatung wahr, was in ihrem Namen anklingt: Beratende Funktion für pflegerische, therapeutische und medizinische Fachpersonen sowie Patienten im KSB. «Im ambulanten Bereich betreuen und unterstützen wir Patienten mit komplexen Wunden, die im Spital in Behandlung waren oder die von Hausärzten an uns überwiesen werden», unterstreicht Doris von Siebenthal und ergänzt: «Wir beraten auch Hausärzte sowie Pflegende der Spitex, mit der wir eng zusammenarbeiten.» Um Wunden adäquat zu behandeln, müssen die Ursachen auf jeden Fall fachmännisch abgeklärt werden. «Es ist für uns ganz wichtig zu wissen, ob die Wunde etwa auf einer Infektion, Diabetes oder einem Arterien- oder Venenproblem beruht. Wir müssen immer die Grunderkrankung kennen, damit wir handeln können. Effektive Wundtherapie bedeutet stets die Zusammenarbeit verschiedener Fachpersonen. Doch es wäre falsch, nur die Wunde zu behandeln. Wir begegnen vor allem einem Menschen, der eine Wunde hat. Deshalb graust uns auch nicht vor dem, was wir zu sehen bekommen.»

Maden für die Wundtherapie

Die Leiterin der Wundberaterin lächelt. Sie ahnt wohl, was gleich kommen wird: Die Frage nach den Maden. Ja, solche werden im KSB regelmässig für die Wundtherapie verwendet. Der Einsatz der Goldfliege im Larvenstadium ist eine Möglichkeit, totes Gewebe einer Wunde zu entfernen.

«Die Aborigines und Mayas kannten das bereits», sagt Doris von Siebenthal. Das Wissen darüber haben diese Völker weitergegeben – und das will auch die Wundberatung. Etwa, indem sie Angehörige für die Pflege anlernt und dabei an den Tag legt, was sie auszeichnet: hohe Sozialkompetenz.