Affäre Füglistaler
Wie eine SVP-Viererbande Lieni Füglistaller aus dem Rennen nahm

Der Machtkampf der SVP Aargau um Nationalrat Lieni Füglistaler ist noch nicht vom Tisch. Der Grund: Parteiexponenten tauschten sich während der Affäre rege per E-Mail aus. SVP-Präsident Toni Brunner hat genug von der Posse und verlangt nach Ruhe.

Othmar von Matt
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Nationalrat Lieni Füglistaller (SVP) bereitet sich auf den Lauf vor

Nationalrat Lieni Füglistaller (SVP) bereitet sich auf den Lauf vor

Keystone

Abgeschickt hat das E-Mail vom 21. April 2010 der heutige Nationalratskandidat Gregor Biffiger. «Es könnte durchaus sein, dass LF (Lieni Füglistaller) einen Journalisten darauf angesetzt hat, eine Verschwörungsstory zu recherchieren. Also aufgepasst!» Empfänger des Warnmails: der Aargauer SVP-Fraktionschef und Grossrat Andreas Glarner, Grossrat Jean-Pierre Gallati, Grossrat Erwin Meier und Peter Wäger, der Inhaber des Internetforums Wohlen Online.

Gallati, Glarner und Biffiger gegen Füglistaler

Biffigers Mail wurde dem «Sonntag» anonym weitergeleitet. Zusammen mit weiteren Mails. Sie deuten darauf hin, dass sich dieser Kreis in der Affäre um den SVP-Nationalrat Lieni Füglistaller über eine längere Zeit gegenseitig gewarnt und ausgetauscht hat. Ein Machtkampf, der damit endete, dass Füglistaller seine Nationalrats-Kandidatur widerwillig zurückzog. Bei «dieser Hatz», schreibt der anonyme Informant, seien «neben Gallati sicher Biffiger, Glarner und Meier mit von der Partie».

Die «Viererbande Gallati-Glarner-Biffiger-Meier», wie sie genannt wird, war nicht nur im Fall Füglistaller aktiv. Sie ist im Kanton, einer SVP-Hochburg, gefürchtet - vor allem im Bezirk Bremgarten und in Wohlen. Verschiedene Kritiker machen in Rechtsanwalt Gallati den Kopf der Viererbande aus. «Rädelsführer ist zweifellos Gallati», sagt Christof Nietlispach, Verleger des «Wohler Anzeigers». Gallati sei zwar ein «cleverer und rhetorisch begabter Mensch». Er gehe aber «mit einer Skrupellosigkeit sondergleichen vor». Nietlispach: «Dabei schreckt er auch nicht vor der Verbreitung von Unwahrheiten zurück.» Ähnlich äussert sich Gemeindeammann Walter Dubler. «Gallati war Grenadierhauptmann. Dies drückt bei ihm auch in seiner zerstörerischen Politik sehr stark durch.»

Strafanzeige gegen Ehrverletzung

Für Wohlen hat das Folgen. Die Gemeinde mit über 14000 Einwohnern ist seit Jahren politisch blockiert. Ein Klima von Angst und Einschüchterung herrscht. «Eine Handvoll Leute macht bei uns seit einer gefühlten Ewigkeit eine völlig destruktive Politik», sagt Nietlispach. «Für uns als Verlag ist das unsäglich. Und für die Gemeinde Wohlen ein grosser Schaden.» Gallati und Co. machten «jede missliebige Partei und jede Person systematisch schlecht. Unbegreiflich, weshalb niemand reagiert.» Alle hätten Angst vor Verunglimpfungen. «Furchtbar.» Und Dubler sagt: «Viele Leute haben die Schnauze voll von diesen perfiden Attacken.»

Nietlispach hatte gar Strafanzeige wegen Ehrverletzung und Verleumdung erwogen. Wegen eines Flugblattes unter dem Titel «Wohler Anzeiger: Redaktion und Verlag üben knallharte Zensur». Gallati und Einwohnerrat Bruno Bertschi hatten es Ende Mai in alle Haushaltungen verschickt.

Gallati schweigt

Der Grund für die Zensur liege darin, schrieben Gallati und Bertschi, dass «Redaktion und Verlag des ‹Wohler Anzeigers› von Aufträgen der Gemeinde Wohlen und der IBW abhängig sind. Es handelt sich um eine hohe 6-stellige Summe», die der Verlag jährlich erhalte. «Wes Brot ich ess', des Lied ich sing», folgerte Gallati. «Der Wohler Anzeiger stellt das Geld über die Wahrheit.» Versandt hatte er das Flugblatt, weil eine Stellungnahme weder im inhaltlichen Teil noch als Inserat erschienen war.

«Unsere Zeitung wird immer wieder verleumdet», sagt Verleger Nietlispach. Die «hohe 6-stellige» Summe «ist eine Lüge». Brutto erhalte der «Wohler Anzeiger» von Gemeinde und IB Wohlen AG «maximal 150 000 Franken». Zahlen, die der Gemeindeammann in etwa bestätigt. Geklagt hat Nietslipach aber nicht. «Wir sahen davon ab, weil das ein langwieriges Verfahren mit ungewissem Ausgang wäre.»

Gallati selbst wollte sich zu den massiven Anschuldigungen nicht äussern. Weil sie im Zusammenhang mit dem Fall Füglistaller erhoben würden. «Und die Affäre Füglistaller ist für mich seit dem 22. Dezember 2010 abgeschlossen. Damals haben wir uns zu gegenseitigem Stillschweigen verpflichtet.» Der SVP-Kreis um Gallati betont aber, die Schuld für die Blockade in Wohlen liege am so genannten «System Wohlen». Zwischen Gemeinde, IB Wohlen AG, «Wohler Anzeiger» und dem FC Wohlen würden sechsstellige Summen hin- und hergeschoben.

Biffiger fühlt sich zu Unrecht beschuldigt

Gallati, seit 2002 in Wohlen, habe zunächst sanft auf die Missstände hingewiesen. Als sich aber über Jahre hinweg nichts geändert habe, sei er immer härter aufgetreten. Glarner, der zum Fall Füglistaller ebenfalls schweigt, sagt zu Wohlen: «Ich staune, wie der Gemeinderat offensichtlich mit Steuergeldern umgeht.» Ähnlich formuliert es Biffiger: «Es ist unglaublich, was sich der Gemeinderat in Wohlen teilweise geleistet hat.»

Den Verdacht, die Viererbande habe die Kampagne gegen Füglistaller gesteuert, wie die Mails nahelegen, weist Biffiger von sich. «Nachdem der Angriff auf Grossrat Gallati gescheitert ist, geht Füglistaller nun offensichtlich auf mich los», sagt er. «Meine Nationalrats-Kandidatur hat aber nichts mit Füglistaller zu tun. Ich wurde anstelle von Andreas Glarner nominiert. Bisher habe ich mich an mein Schweigeversprechen gehalten. Doch notfalls würde ich mich zur Wehr setzen.» Glarner seinerseits bestätigt, die Viererbande existiere sehr wohl. «Jawohl, wir sind vier unerschrockene und aktive Grossräte», sagt er, «die hartnäckig am Ball bleiben und interne wie externe Missstände aufdecken.»

Toni Brunner ist unzufrieden

Füglistaller selbst hält schriftlich fest: «Mir scheint, dass nun die Herren hinstehen sollten für ihr Tun. Gallati, Biffiger und Co. verlangen auch sonst immer Transparenz.» Die Eskalation des Streits verfolgt man bei der SVP Schweiz beunruhigt. «Das ist ein Aargauer Problem, das vor Ort geklärt werden muss», sagt SVP-Präsident Toni Brunner zwar.

Er wird aber deutlich: «Ich reagiere empfindlich, wenn so viele Leute dermassen viel Energie aufwenden, um sich gegenseitig zu bekriegen. Statt sich mit Politik zu beschäftigen. Sie fügen damit der Partei Schaden zu. Das ist unschön.»