Literatur in der Schule

Wenn Weltliteratur zur Pornografie wird und wie Lehrkräfte damit umgehen

Was ist Weltliteratur und was Pornografie? Mittelschul-Pflichtlektüren wie Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen» werden zum Politikum - zumindest in Zürich. Im Aargau und dem Kanton Solothurn bleibt man indessen gelassen.

«Ich glaube in dieser Hinsicht nämlich an einen gewissen Instinkt. Ich glaube, wenn man einen Kater zum Beispiel mit einer Katze von Jugend auf zusammensperrt und beide von jedem Verkehr mit der Aussenwelt fernhält, (...) sie ganz nur ihren eigenen Trieben überlässt - dass die Katze früher oder später doch einmal trächtig wird, obgleich sie sowohl wie der Kater niemand hatten, dessen Beispiel ihnen hätte die Augen öffnen können.» Aus «Frühlings Erwachen» von Frank Wedekind.

Mit «Frühlings Erwachen» schrieb der deutsche Dramatiker Frank Wedekind einen Klassiker der deutschen Moderne, ein skandalöses Stück, das 1906 uraufgeführt wurde. Pornographie, sexuelle Aufklärung, radikale Schulkritik - die zeitgenössischen Beurteilungsinstanzen und das Publikum kamen damals zu höchst kontroversen Einschätzungen. Wedekinds Drama ist Weltliteratur und gehört zur Pflichtlektüre an Schweizer Mittelschulen.

Strafanzeige gegen Mittelschullehrer

Auch 120 Jahre nach Erscheinen der Tragödie sorgt das Stück für rote Köpfe. Der Hintergrund: Im Oktober musste sich ein Mittelschullehrer vor Gericht verantworten, weil er im Literaturgymnasium Rämibühl mit 14- bis 15-jährigen Schülern Bücher gelesen hat, in denen die jugendliche Sexualität thematisiert wird. «Die Menschenfresser» von Marles Haushofer, «Die Selbstmord Schwestern» von Jeffrey Eugenides, «Warum das Kind in der Polenta kocht» von Aglaja Vereranyi, «Dunkler Frühling» von Unica Zürn und eben Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen» standen auf dem Programm des Lehrers.

Diese Unterrichtsgestaltung stiess einer Mutter sauer auf. Sie reichte Strafanzeige ein. Eine Staatsanwältin, die den Fall zur Anklage brachte, sah es als erwiesen, dass der Lehrer die Jugendlichen übermässig mit pornografischem Inhalt konfrontierte. Der zuständige Einzelrichter widersprach dem. Der Lehrer habe sich bezüglich der Gestaltung des Unterrichts nicht schuldig gemacht, lautete das Verdikt des Bezirksgerichts. In einem Nebenpunkt der Anklage wurde der Lehrer jedoch schuldig gesprochen. Er hatte auf seinem Computer Aktbilder von Minderjährigen gespeichert, wie eine Hausdurchsuchung ans Licht brachte. Der Lehrer unterrichtet seit zwei Jahren nicht mehr.

Doch der Fall ist noch nicht vom Tisch und zieht weitere Kreise: Am Montag nun ging eine Anfrage des erzkonservativen Zürcher EDU-Politikers Stefan Dollenmeier beim Kantonsrat ein. Er will wissen, was unternommen werde, wenn eine Lehrperson in irritierender Häufung Literatur behandelt, die sexuelle Praktiken beinhaltet und wie sich die Bildungsdirektion zur Behandlung von pornografischen Werken in der Schule stellt?

«Wo ist die Grenze des Zumutbaren?»

«Sie steigt hinunter in den Keller, geht in den Hundestall und legt sich mit ausgebreiteten Beinen auf den kalten Zementboden. Die Kälte steigert noch ihre Wollust, während der Hund sie zwischen den Beinen zu lecken beginnt.» Aus «Dunkler Frühling» von Unica Zürn.

Brigitta Johner ist Mitglied der Schulkommission der Kantonsschule Limmattal und Mitunterzeichnerin von Dollenmeiers Anfrage. Die FDP-Kantonsrätin findet es problematisch, wenn die Lehrkräfte spezifische Werke, die sich thematisch ausschliesslich der Sexualität widmen, auswählen und fordert, dass sich Lehrpersonen im Kollegium absprechen sollten, welche Werke auf welcher Altersstufe behandelt werden dürfen. «Wenn der Fall in Zürich ein Einzelfall ist, sollte man der Sache aber nicht unnötig viel Aufmerksamkeit schenken», sagt sie.

Patrik Eigenmann ist Prorektor an der Kantonsschule Limmattal. Er vertritt die Auffassung, dass Literaturtexte über Liebe und Sexualität an der Schule behandelt werden sollten. Man müsse als Lehrperson jedoch auf die Schüler eingehen, heikle Textpassagen ansprechen und im Plenum darüber diskutieren. «Vielfach steht die Form der Texte im Vordergrund und nicht der Inhalt», betont Eigenmann, «damit büsst das Gespräch über solche Passagen auch an inhaltlicher Brisanz ein.» Kritisch betrachtet er hingegen eine inhaltliche Einmischung der Politik: «Wenn in Zukunft entsprechende Werke verboten werden sollten, weil sie als pornografisch oder zu pornografisch taxiert werden, mache ich mir schon Sorgen.» Damit würde die Lehrerschaft die Lehrfreiheit verlieren, warnt er.

Keine Richtlinien in Baden

An den Kantonsschulen Baden und Solothurn nimmt man den Zürcher Fall und das politische Ansinnen gelassen. «Bei uns sind solche Fälle kein Thema. Innerhalb der Fachschaft Deutsch und gestützt auf die gesetzlichen Lehrpläne entscheiden wir uns immer für den pädagogisch sinnvollen Weg», sagt Stefan Zumbrunn, Direktor der Kantonsschule Solothurn.

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Es sei schlicht kein Thema, sagt Hans Rudolf Stauffacher, Rektor der Kantonsschule Baden. Es gebe zwar Eltern, die etwas sensibel auf gewisse Texte reagierten, aber das seien nur wenige. Die Lehrpersonen stünden in der Pflicht, verantwortungsvoll mit Literatur umzugehen. Und gerade weil es bislang keine Reklamationen gegeben habe, wurde diese Verantwortung von den Lehrpersonen in der Vergangenheit wahrgenommen, ist sich Stauffacher sicher.

Zuständigkeit liegt bei der Lehrperson

Dieses Bild bestätigt auch das Aargauer Departement  für Bildung, Kultur und Sport (BKS). Die Rektoren der Kantonsschulen wie aber auch die Fachschaften seien sich der besonderen Herausforderung und der offenen Fragen, welche einzelne zeitgenössische Werke mit sich brächten, bewusst, sagt Iréne Richner-Schellenberg, Leiterin Kommunikation. «Die Wahl der Werke liegt in der Zuständigkeit der Lehrperson, wobei bei der Wahl Augenmass für die Angemessenheit des Werks an Klasse - Alter der Schülerinnen und Schüler - und Kontext verlangt ist.» Überdies seien dem BKS keine Vorfälle analog dem im Kanton Zürich bekannt.

Die Kantonsrätin Brigitta Johner wartet derweil gespannt auf die Antwort der Regierung und hofft, dass der Zürcher Fall ein Einzelfall bleibt.

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