Suizid mit der Armeewaffe
«Wenn kein Sturmgewehr in der Nähe gewesen wäre ...»

Zwei Suizide in der Familie: Guido Wagner hat die Waffenschutzinitiative dazu bewogen, über seine eigene Betroffenheit zu sprechen.

Fränzi Zulauf
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Guido Wagner

Guido Wagner

AZ

Es ist nicht leicht für den 48-jährigen Guido Wagner, über die beiden Suizide zu berichten, zu denen es in seiner nächsten Verwandtschaft gekommen ist. Zum einen ist da die eigene Befindlichkeit, die erneute Auseinandersetzung mit den Suiziden, die mit Sturmgewehren vollzogen wurden. Zum anderen aber möchte er die anderen Familienangehörigen schützen, sie weder an die Öffentlichkeit zerren, noch schmerzhafte Erinnerungen schüren.

Details sollen deshalb im Kreise der beteiligten Familien bleiben. «Aus eigener Betroffenheit will ich mich aber, zum ersten Mal in meinem Leben, für ein politisches Anliegen einsetzen», sagt Guido Wagner. «Zahlen und Statistiken taugen nur bedingt als Argumente für die Verbannung von Armeewaffen aus den Häusern und Wohnungen. Ich möchte dem Thema ein Gesicht geben, zeigen, dass leicht verfügbare Armeewaffen zu familiären Tragödien führen können.»

Zwei Suizide in der Familie

Ereignet hat sich die erste Tragödie in der Familie des Baumpflegers aus Meisterschwanden vor 26 Jahren. Ein sehr naher Angehöriger, damals 25-jährig und Korporal der Schweizer Armee, befand sich in einer persönlichen Krise. Heimgesucht von depressiven Verstimmungen, griff er eines Tages zu seinem Sturmgewehr. «Ich bin davon überzeugt, dass dieser Suizid eine Kurzschlusshandlung war», sagt Guido Wagner. «Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn keine Waffe in der Wohnung gewesen wäre.»

Das Gleiche gilt für den zweiten Suizid eines nahen Verwandten - eines 46-jährigen Familienvaters, der seine Frau und seine Kinder über alles liebte. Auch er hatte irgendwann nur noch schwarz gesehen und seinem Leben mit dem Sturmgewehr ein Ende gesetzt. «Natürlich lässt es sich nicht mit letzter Gewissheit sagen, was geschehen wäre, wenn die beiden Männer in der Stunde ihrer grössten Verzweiflung keine Waffe in ihrer unmittelbaren Nähe gehabt hätten», weiss Guido Wagner. «Aber ich stelle mir vor, dass kaum jemand seinen Suizid wirklich von langer Hand plant. Das muss ein ungeheurer Kampf sein - eine Zerreissprobe voller Angst - zwischen dem Wunsch zu leben und der Sehnsucht nach dem Tod.»

Eine griffbereite Armeewaffe könne da allzu leicht zu einer Kurzschlusshandlung verleiten, die dem verzweifelten Ringen rasch ein definitives Ende setze. «Ich habe oft gedacht, wenn meine beiden Verwandten kein Sturmgewehr in der Nähe gehabt hätten, wären sie vielleicht über diesen kritischen Moment hinausgekommen, hätten vielleicht jemanden getroffen oder hätten einen neuen Gedanken fassen können.»

«Die Waffenschutz-Initiative kann am Schicksal meiner Familie nichts mehr ändern», erklärt Guido Wagner. «Aber wenn durch diese Initiative auch nur ein einziges Menschenleben gerettet werden kann, hat sie sich schon gelohnt. Und er gibt zu bedenken: «Von einem Suizid ist nicht nur der Mensch betroffen, der sich das Leben nimmt, sondern auch seine ganze Familie, seine Freunde und Bekannten; besonders schwer ist es für jene Person, die den Toten findet.»

Chris von Rohr: pure Schaumschlägerei

Enttäuscht ist der Baumpfleger von Musiker Chris von Rohr. Als Krokus-Fan der ersten Stunde hat Guido Wagner fast ungläubig zur Kenntnis genommen, dass sich der so freakig wirkende Rockmusiker von Rohr gegen die Waffenschutzinitiative ausspricht. Seine Begründung in der vorletzten Ausgabe von «Der Sonntag», es gebe schon zu viele «sinn- und nutzlose Gesetze» haben Guido Wagner nicht nur verärgert, sondern auch zu einem Mail an Chris von Rohr bewegt.

«Auf seine undifferenzierten und für betroffene Angehörige auch verletzenden Äusserungen habe ich ziemlich heftig reagiert. Und er hat ziemlich heftig und in bester SVP-Manier mit Rundumschlägen geantwortet», berichtet Wagner. «Es sei nicht die Aufgabe des Staats, den Leuten zu sagen, sie sollten sich nicht mit dem Gewehr umbringen, schrieb der Solothurner Rocker unter anderem. Die Musik von Krokus, die Guido Wagner etwa seit seinem 16. Lebensjahr begleitet hat, wird er zwar weiter ab und zu hören. Das eher romantische Bild aber, das er von Chris von Rohr hatte, wurde nun gründlich revidiert.

Ernüchtert ist Guido Wagner auch von den Waffenschutz-Diskussionen in einigen Internetforen. «Wenn da ein 24-Jähriger allen Ernstes schreibt, er könne nachts besser schlafen, wenn er das Sturmgewehr in der Wohnung habe oder ein anderer findet, die Armeewaffen müsse man griffbereit haben für den Fall, dass es einen Putsch gebe in der Schweiz, oder wenn immer wieder auf das ‹Recht auf Selbstverteidigung› gepocht wird, gibt mir das schon sehr zu denken.»

Vor allem aber stösst er sich an den Unwahrheiten, die - gezielt oder mangels besserem Wissen - von den Gegnern verbreitet werden. Denn: «Die Waffenschutzinitiative will eigentlich niemandem etwas wegnehmen. Sportschützen, Jäger usw. können mit einer Lizenz ja weiterhin ihre Waffen daheim haben. Initiativ-Gegner behaupten oft das Gegenteil, und das ist ganz einfach gelogen.» Doch Guido Wagner erlebt auch Positives: «Dass sich beispielsweise der Glarner SVP-Ständerat This Jenny klar für die Initiative und gegen die Parole seiner Partei ausspricht, ist ein echter Aufsteller.»

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