Aktuell steht zum Beispiel in aufwändiger Parlamentsarbeit: das Revisionspaket «Stärkung der Volksschule» und das Lohndekret für Lehrpersonen (LDLP). Doch längst nicht alle Volksvertreter wissen, was in der heutigen Schule wirklich passiert. Viele nehmen vorab ihre eigene Schulzeit zum Massstab, wenn sie über die Schule von heute befinden, wenn sie entscheiden über Inhalte und Strukturen, über Integration, Klassengrössen, notwendige Zusatzlektionen oder Lesen im Kindergarten.

Dies hat den Primarlehrerinnen- und Primarlehrerverein (PLV) – mit rund 2000 Mitgliedern grösster Unterverband des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (ALV) – auf eine originelle Idee gebracht: Wir laden die Grossrätinnen und Grossräte in unsere Schulen ein. Dann könne sie sich 1:1 ein Bild vom heutigen Schulbetrieb machen und künftig noch kompetentere, realitätsnahe schulpolitische Entscheide fällen.

Primarschule: oft ein Stiefkind

«Dass diese Idee im PLV geboren wurde, hat wohl noch einen anderen Grund», sagt Claudia Lauener-Gut, Präsidentin des PLV und Primarlehrerin in Niederwil. «Oft, zum Beispiel bei der Monsterdebatte über das Bildungskleeblatt, ging die Primarschule fast etwas unter. Man debattierte über den Kindergarten, die Oberstufe, die Sonderklassen – das Rückgrat eines guten Schulsystems aber ist die normale Primarschule, welche fast alle Kinder durchlaufen. Schon beim Kleeblatt waren für sie einschneidende Änderungen vorgesehen.

Jetzt, beim Paket ‹Stärkung der Volksschule›, ist das wieder so. Wir möchten, dass die Politikerinnen und Politiker selber miterleben können, was Unterrichten heute heisst. Zum Beispiel integriertes Unterrichten mit Kindern aus dem ganzen Leistungs- und Verhaltensspektrum.»

Vor und nach den Frühlingsferien

Für den Schulbesuch stehen den Parlamentariern zwei Wochen zur Verfügung: die Woche vor den Frühlingsferien, 4. bis 8. April, und jene nach Ostern, 26. bis 29. April. «Der PLV hat alle Primarschulen eingeladen, sich an der Aktion zu beteiligen», sagt Friedl Schütz, PLV-Geschäftsleitungsmitglied und Primarlehrer in Waltenschwil. Bisher haben sich 41 Schulen aus allen elf Bezirken zum Mitmachen entschlossen. Schütz: «Zunächst haben die Schulen Grossrätinnen und Grossräte ihrer Wahl direkt eingeladen, zum Beispiel alle aus ihrem Bezirk. Dann haben wir vom PLV aus nachgestossen und alle Parlamentarier angeschrieben, die noch nirgends zugesagt haben.»

Es könnten noch etwas mehr sein

Bisher haben sich rund zwei Dutzend Grossrätinnen und Grossräte angemeldet. Es hat «erwartbare» darunter, die «es» eigentlich nicht nötig hätten, zum Beispiel die Präsidentin der Bildungskommission – aber auch einige mit mehr Distanz zur Schulpolitik, auch aus der stärksten Fraktion, der SVP, die in Schulfragen oft auf Oppositionskurs geht. Schütz: «Es ist ein Angebot. Wir zwingen niemanden, aber wir freuen uns über jeden Besuch.» Einige Klassen haben aufwändig gestaltete Einladungskarten verschickt. Was in den Besuchsstunden läuft, ist den Lehrkräften überlassen. Einige Schulleitungen planen «Sonderaktionen», andere werden ihren normalen Unterricht zeigen.

Anliegen des Primarlehrervereins

Der PLV hat einige bildungs- und standespolitische Anliegen an die Politik: Stärkung der Klassenlehrpersonen, Verstetigung der Pensen, genügend Ressourcen für den Aufbau der 6. Klassen, Reduktion der Lektionenverpflichtung und der Maximalschülerzahl. Claudia Lauener: «Wir wollen den Besuchern diese Wünsche nicht aufs Auge drücken. Wir glauben aber, dass durch solche Schulbesuche das Verständnis der Politik für unsere Arbeit generell steigt.»