Rassismus-Debatte

«Weiss wie der Teufel»

«Diversität ist die Zukunft», steht auf einem Schild, das eine Demonstrantin in Zürich präsentiert.

«Diversität ist die Zukunft», steht auf einem Schild, das eine Demonstrantin in Zürich präsentiert.

Die Gleichwertigkeit der Menschen ist ein Anliegen der Aufklärung, keine linke Errungenschaft. Mit rassistischen Vorurteilen hat Heinrich Zschokke bereits vor mehr als 200 Jahren gekonnt gespielt. Der Kommentar zur aktuellen Rassismus-Debatte.

Was mich an der aktuell laufenden Rassismus-Debatte irritiert: In Medienbeiträgen, zum Beispiel in einem Talk auf Tele M1, wurde der Eindruck erweckt, der Kampf für die Gleichwertigkeit aller Menschen sei eine linke Errungenschaft und müsse gegen verbohrten bürgerlichen Widerstand erstritten werden. Das ist Geschichtsklitterung. Wer hat’s erfunden? Die Gleichwertigkeit der Menschen aller Rassen, Hautfarben und Religionen ist ein Anliegen der Aufklärung, des Humanismus – ein urliberales Postulat. Erinnert sei etwa an die «Ringparabel» in Gotthold Ephraim Lessings Drama «Nathan der Weise» von 1779.

Wir Aargauer müssen jedoch nicht zu Lessing nach Sachsen schweifen, wir finden viel näher einen Appell an die Toleranz und eine Verurteilung weisser Arroganz gegenüber Dunkelhäutigen: bei Heinrich Zschokke. Der liberale Staatsmann und Demokratie-Pionier war auch und zuerst ein Schriftsteller, dessen Werke um 1800 sagenhafte Auflagen erzielten. In einer Novelle mit dem Titel «Der König von Akim», erschienen um 1812, zieht Zschokke mit einen dialektischen Trick weisse Vorurteile und Kolonialdünkel durch den Kakao.

Das Zschokke-Denkmal darf auf keinen Fall geschleift werden

Ein dänischer Buchhalter muss sich in Afrika vor einem Eingeborenen-Stamm entblössen. Die Dunkelhäutigen wollen nämlich nicht glauben, dass es sich bei dem bleichen Eindringling um einen Menschen handelt, sie halten ihn wegen seiner Zopf­perücke für einen «langgeschwänzten Affen». Deshalb muss er sich auf Befehl des Königs ausziehen. Die Novelle schliesst mit den Sätzen: «Mit Furcht und Grausen betastete er (der König) eins um das andere von dessen Gliedern, sah mit einer Art Ekel oder Widerwillen dessen Hautfarbe an und brach zuletzt in die Worte aus: Es ist wahr, ein Mensch bist du. Aber du bist weiss wie der Teufel.»

Gekonnt spielt Zschokke mit rassistischen Vorurteilen unter umgekehrten Vorzeichen. Vor mehr als 200 Jahren hat der liberale Vordenker erkannt: Die Theorie, dass Menschen mit bestimmten äusserlichen Merkmalen anderen «von Natur aus» unterlegen seien, lässt sich weder biologisch noch soziokulturell halten. Deshalb ist klar: Das Zschokke-Denkmal im Kasino-Park zu Aarau darf auf keinen Fall geschleift werden. Im Gegenteil: Man sollte den Sockel gar noch um einige Zentimeter erhöhen.

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