Christoph Lutterer verdankt sein Glück dem Fernsehen. Nach dem Schulabschluss überlegte sich der junge Mann im baden-württembergischen Schopfheim wie Hunderttausende andere Abiturienten in Deutschland: «Was will ich eigentlich machen?»

Er entschied sich, Bauingenieurwesen zu studieren. Doch bald merkte er, dass er damit nicht richtig glücklich werden würde – und brach ab.

Der Zufall wollte es, dass just in dem Moment im Fernsehen eine Reportage über den Beruf des Bierbrauers lief. Für Lutterer wurde die Sendung zur Offenbarung: «Ich wusste sofort: Das ist es!»

Bei der Feldschlösschen Getränke AG, Rheinfelden, bewarb er sich um eine Lehrstelle. Was einst schlicht Brauer hiess, heisst heute Lebensmitteltechnologe EFZ, Schwerpunkt Bier. Sieben Lernende erhalten in der Schweiz dieser Tage ihr Fähigkeitszeugnis.

Sudhaus im «Feldschlössli»: 1876 setzten Brauer Theophil Roniger und Landwirt Mathias Wüthrich den ersten Sud an.

Sudhaus im «Feldschlössli»: 1876 setzten Brauer Theophil Roniger und Landwirt Mathias Wüthrich den ersten Sud an.

Kreative Wissenschaft

An diesem Junitag sitzt Lutterer, 25, blau-graue Arbeitsuniform, schwarze Sicherheitsschuhe, in einem Sitzungszimmer der grössten Schweizer Brauerei.

Am 8. Februar 1876 setzten der Brauer Theophil Roniger und der Landwirt Mathias Wüthrich hier den ersten Sud an. Heute ist jede vierte Stange, die in der Schweiz getrunken wird, ein «Feldschlössli».

Warum entschloss sich Lutterer, das Bierbrauen erlernen zu wollen? «Zum einen mag ich natürlich Bier», sagt er und lächelt verschmitzt. «Vor allem gefällt mir aber, dass es ein Beruf mit Tradition ist, einer, in dem man naturwissenschaftlich arbeiten und gleichzeitig kreativ sein kann.»

Vor wenigen Tagen schloss er seine Ausbildung ab. Was einst schlicht Lehrabschlussprüfung hiess, heisst neu Qualifikationsverfahren. Seine Noten kennt er noch nicht – eine Festanstellung in Rheinfelden hat er aber bereits auf sicher.

Wir haben den Jungbrauer besucht, um mehr über die Zukunft des Biers im Aargau und in der Schweiz herauszufinden. Wie steht es um die Biervielfalt?  Was hat er in den letzten drei Jahren gelernt? Wie erlebt er als Mitarbeiter des Marktführers den Austausch mit Kollegen von hunderten kleineren Brauereien?

Weniger Handarbeit

Die drei Lehrjahre, sagt Lutterer, seien schnell vorüber gewesen. Er lernte, wie man die Würze herstellt, wie die Hefe arbeitet, wie man das fertige Bier filtriert und somit haltbar macht. Zusammengefasst: «Ich habe gelernt, wie man aus Rohstoffen Bier macht und wie man die Anlagen dafür bedient und pflegt.»

Hier wird denn auch bereits der grösste Unterschied vom Grossen zu den Kleinen offensichtlich: Was andernorts manuell abgewogen und gemischt wird, wird in Rheinfelden über komplexe Anlagen via Computer gesteuert. «Meine Berufsschulkollegen machen mehr von Hand», gibt Lutterer zu, «dafür müssen wir die grossen Steuerungssysteme beherrschen.»

Für Zuhause: Diese Zutaten braucht der Hobby-Brauer.

Für Zuhause: Diese Zutaten braucht der Hobby-Brauer.

Dass Lutterer auch «von Hand» brauen kann, zeigte er mit seinem Mitstift Sven Wendland beim «Jubiläumsbier»: Weil Feldschlösschen heuer den 140. Geburtstag feiert, brauten die zwei Lernenden dieses Jahrgangs ein Festbier.

«Wir experimentierten mit Torfmalz. Wir hatten eine konkrete Vorstellung von einem Geschmack, und versuchten, dahin zu kommen.» Weil die Produktionsanlagen auf grosse Mengen ausgelegt sind, durften die zwei Lernenden für ihr Experiment in die «Pilot Plant», die interne Versuchsbrauerei.

«Es steckt sehr viel Arbeit drin», sagt Lutterer und nimmt eine der Bügelflaschen mit der ebenfalls selber gestalteten Etikette in die Hand. «Aber es hat auch echt Spass gemacht.»

Lagerbier am beliebtesten

Am Sitzungstisch neben Lutterer sitzt Stéphane Quellet, Leiter Produktionsentwicklung und Präsident des Ausbildungsverbunds «Arbeitsgemeinschaft Lebensmitteltechnologen». Er sagt: «Es wird heute viel über kleinere Spezialitätenbrauereien gesprochen. Aber auch sie verkaufen Lagerbier mit Abstand am besten.»

Insgesamt macht der Lager-Anteil 80 Prozent des landesweit getrunkenen Biers aus. Das war dem Deutschen Christoph Lutterer schnell aufgefallen: «Die Schweiz ist vermutlich das einzige Land, in dem man das Bier nicht nach Inhalt, sondern nach Grösse des Gefässes bestellt.»

Als Trend könne man deshalb nicht eine bestimmte Gattung oder eine spezifische Geschmacksrichtung nennen, sondern schlicht «die Förderung der Bierkultur», erklärt Lutterer.

Es gehe nicht bloss darum, dass Bier getrunken werde, sondern dass jene, die es trinken, dies bewusst täten: «Bier ist ein jahrtausendealtes Naturprodukt. Es ist stark verknüpft mit Brauchtum. Entsprechend sollte man es würdigen und in Massen geniessen.»

Um dieses Bewusstsein zu schaffen, sagt Stéphane Quellet, wolle man mit den lokalen Brauereien am gleichen Strick ziehen: «Wir tragen alle gleichermassen zur Bierkultur bei.» Erreicht werden soll dieses Ziel mittels Bier-Sommeliers, die in Zusammenarbeit mit Gastrosuisse ausgebildet werden und in ihren Betrieben diese Bier-Philosophie  etablieren sollen.

Cards: Bierwissen

Ferien in Belgien

Und was trinkt der junge Spezialist, wenn seine Schicht zu Ende ist? «Ein Alkoholfreies, denn ich muss ja noch nach Hause fahren», sagt er und lacht. Zu Hause gönne er sich gerne ein «Braufrisch» – oder auch mal eine «externe», belgische Spezialität.

Sowohl der Lernende als auch sein Ausbilder Quellet waren kürzlich dort in den Ferien. Unabhängig voneinander, beide hauptsächlich des weltberühmten und vielgerühmten belgischen Bieres wegen.

Für Christoph Lutterer ist klar: Auch wenn er als Lebensmitteltechnologe theoretisch auch in einer Schokoladenfabrik oder einer Grossbäckerei arbeiten könnte – in der Brauerei hat er seinen Traumjob gefunden. Weil er zur richtigen Zeit den Fernseher eingeschaltet hatte.

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