Sein Daumen und der Zeigefinger waren schwarz. Seite für Seite hat der Kulturgeograf Andreas von der Dunk in der Kantonsbibliothek Aarau drei Jahrgänge der az Aargauer Zeitung durchgeblättert. Der Regionalteil Aarau war die Recherchequelle für seine Forschung über «Landnutzungskonflikte im Aargau». Zwar hatte er es zuerst im digitalen Zeitungsarchiv mit Suchbegriffen wie «Streit» oder «Einsprache» versucht, doch die Ergebnisse erhielten zu viele Fälle, in denen es nicht um die Landnutzung ging.

Das Thema fasziniert Andreas von der Dunk seit er in einem Entwicklungsprojekt in Kambodscha gearbeitet hat. Er stellte fest: «Landschaftsplanung ist gut und recht, aber manchmal merkt man erst in der Praxis, wo überall Nutzungskonflikte bestehen.» Es geht also um die kostbare Ressource Land, deren Bebauung heikler wird, desto näher sie an einer Siedlung liegt. Und es geht meist um Emissionen: Wegen Lärm, Gerüchen, Licht oder Sichtblockierung können kleine Volksaufstände entstehen.

Glocken, Antennen, Mülldeponien

In der Region Aarau heisst dies konkret: Patienten in der Hirslanden-Klinik im Aarauer Schachen stören sich an den Glockenschlägen der Stadtkirche, einige Aarauer verhinderten 2008 den Abriss des Schützenhauses und in der Herzbergsiedlung im Scheibenschachen wollen die Bewohner nach wie vor keine Mobilfunkantenne.

Weiter fürchtet man in Möriken-Wildegg mehr Lärm wegen eines geplanten neuen Silos des JuraCement-Werks (siehe Text unten), die Holderbanker wehrten sich 2008 erfolgreich gegen eine Mülldeponie, in Othmarsingen verhinderten Anwohner 2009 eine Einzonung zum Gewerbegebiet, weil es später als Wohnzone attraktiv werden könnte und in Oberentfelden wurde 2009 die alte Schmiede gegen den Willen des Gemeinderates unter Denkmalschutz gestellt. – Das sind nur sieben Beispiele von 164 Fällen.

Lärm ist Ärgernis Nummer eins

Aus der Flut von insgesamt 301 Artikeln über empörte Bürger, frustrierte Bauherren und händeringende Gemeinderäte kristallisierten sich schliesslich sechs hauptsächliche Konflikttypen heraus. An erster Stelle (27% aller Konflikte) stand die Lärmbelastung zum Beispiel durch Verkehr, Strassenbeizen oder Sportanlagen.

Je 18 Prozent aller Konflikte entstanden, weil sich Bewohner entweder wegen einer optischen Verschandelung der Landschaft oder um ihre Gesundheit (Feinstaub, Mobilfunk, Verkehr) sorgten. Viertens erregte zu wenig berücksichtigter Naturschutz die Gemüter. In 8 Prozent aller Fälle wollte man das bestehende Stadt- oder Landschaftsbild bewahren. Beim sechsten und letzten schwerpunktmässigen Konflikttyp ging es um die unerwünschte Veränderung eines Quartiercharakters durch den Bau von Gebäudekomplexen.

Bürger wollen informiert werden

Diese Erkenntnisse sollen nun Raumplanern eine Hilfe sein, um das Konfliktpotenzial einer Landnutzung beziehungsweise eines Bauvorhabens abschätzen zu können. Andreas von der Dunk sah aber auch seine Vermutung bestätigt: «Der Verlauf der Konflikte hat viel mit Psychologie zu tun.» So sind Bauherren gut beraten, die Anwohner frühzeitig und detailliert zu informieren. «Wenn Bürger das Gefühl haben, Informationen würden ihnen bewusst vorenthalten, können Landnutzungsprojekte leicht eskalieren.»

Besonders emotionsgeladen sind Mobilfunkantennen. «Diese Diskussionen werden auch in Zukunft nicht abflauen», ist sich von der Dunk sicher, «schliesslich werden die Antennenanlagen auch künftig weiter aufgerüstet um die immer grösseren Datenmengen für Smartphones übermitteln zu können.»

Konflikte wegen der Verstädterung

Doch warum hat von der Dunk gerade die Region Aarau ausgewählt für seine Dissertation über Raumkonflikte? Es ist nicht nur die Nähe zu seinem Arbeitsort am WSL Birmensdorf und die guten Kontakte zur kantonalen Verwaltung: «Der Aargau repräsentiert recht gut das Deutschschweizer Mittelland», sagt von der Dunk, man habe ihm den Aargau empfohlen. Für Kulturgeografen wie ihn ist der Übergang vom Land zur Stadt spannend: In dieser Verzahnung findet der Urbanisierungsprozess statt – ein häufiger Grund für Konflikte in der Raumplanung. Das Mittelland und speziell der Aargau zwischen den Zentren Basel, Luzern und Zürich ist von diesen Veränderungen stark betroffen.

Damit hat der Aargau Modell-Charakter über die Landesgrenze hinaus. «Die Erkenntnisse gelten nicht nur für den Aargau», sagt von der Dunk, «sondern auch für viele andere industrialisierte Staaten.» Denn die Konflikte entstehen überall dort, wo Bürger gegen Bauvorhaben opponieren können und die Siedlungs-Verdichtung voranschreitet.