«Woher kommen meine Stimmen? Wie viele erhielt ich aus meiner Partei, wie viele von anderen Parteien? Wo kam ich gut an, wo gar nicht?» Diese Fragen stellen sich alle Kandidierenden unweigerlich. Das Studium der Panaschierstatistik hilft weiter. Panaschieren bedeutet, auf einer Liste einen Namen zu streichen und den Namen einer Kandidatin oder eines Kandidaten einer anderen Liste einzusetzen. In dieser Statistik werden die Kandidatenstimmen auf allen veränderten Parteilisten sowie auf allen Listen ohne Parteibezeichnung zusammengezählt. Diese Statistik ist ein Gradmesser für die inner- und überparteiliche Akzeptanz der Kandidierenden. Die Panaschierstimmen entsprechen noch nicht dem Gesamtresultat. Dieses ersieht man erst durch Dazuaddieren der Stimmen aus den unverändert eingelegten Listen.

Vor vier Jahren holte SP-Nationalrätin Pascale Bruderer mit 66172 am meisten Panaschierstimmen, gefolgt von FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi (die 2007 in den Ständerat gewählt wurde) und von Ulrich Giezendanner mit 55808 Stimmen. Insgesamt schnitt Giezendanner damals aber mit 82 611 Stimmen als bestgewählter Nationalrat ab, gefolgt von Bruderer mit 75134 und Egerszegi mit 70 829 Stimmen.

Bruderer vor Giezendanner

So wie diese drei damals bei den Panaschierstimmen abgeschnitten haben, so sind sie am 23. Oktober bei der Ständeratswahl durchs Ziel gegangen. Bruderer schaffte es im ersten Wahlgang, an zweiter Stelle folgte Egerszegi und an dritter Stelle Giezendanner. Die Panaschierstatistik für die Nationalratswahlen 2011 besagt nichts mehr über Christine Egerszegi, da sie als amtierende Ständerätin nur noch fürs «Stöckli» angetreten ist und auf das Sicherheitsnetz der Nationalratsliste verzichtet hat. Doch auch dieses Mal liegt Bruderer mit 75 172 Panaschierstimmen vor Giezendanner (60706 Stimmen).

Hinter ihnen holte diesmal Nationalrat Philipp Müller (FDP) mit 51366 Panaschierstimmen Bronze. An vierter Stelle - und das wird all jene verblüffen, die ihn altershalber und aufgrund des Wechsels vom Stände- zurück in den Nationalrat bereits abgeschrieben hatten - folgt Maximilian Reimann (SVP) mit phänomenalen 47 848 Stimmen. Er überholte dank seinen Panaschierstimmen sogar den vor vier Jahren Zweitplatzierten auf der Liste, Nationalrat Luzi Stamm.

Bruder weit bis in die Mitte wählbar

Doch woher kommen die Stimmen? Nebst denjenigen aus der eigenen Partei stammen jeweils mit Abstand am meisten Stimmen von Leuten, die sich offenkundig für keine Partei entscheiden konnten oder wollten und nur ihnen zusagende Namen auf eine Liste ohne Parteibezeichnung geschrieben haben. Auch hier schwang Bruderer klar mit 19965 Nennungen obenaus, gefolgt von Philipp Müller (10843), Geri Müller (10232) und Ulrich Giezendanner (9785).

Bruderer holte bei allen Parteien namhaft Panaschierstimmen, wie die obige Grafik zeigt. Dies bestätigt ihre breite Abstützung. Den Namen Ulrich Giezendanner schrieben Anhänger anderer Parteien markant weniger auf den Stimmzettel. Mit Abstand am meisten Unterstützung erhielt Giezendanner abgesehen von der eigenen Partei von der FDP, dann von Anhängern der SVP-Abspaltung BDP. Bei den bürgerlichen Parteien und sogar bei der SP recht breit abgestützt ist Philipp Müller (FDP). Der Asyl- und Ausländerspezialist profitierte von unglaublichen 11226 Stimmen von SVP-Wählern. Und dies, obwohl er sich jüngst etwa bei der Ausschaffungsinitiative und bei den Bilateralen/Personenfreizügigkeit mit der SVP massiv angelegt hatte.

Wie wird der stark polarisierende SP-Kandidat Cédric Wermuth abschneiden? Diese Frage stellten sich viele im Aargau, und etliche Bürgerliche hofften gewiss, er werde es nicht schaffen. Doch er nahm die Hürde in den Nationalrat souverän und überholte sogar den Gewerkschafter und Bisherigen Max Chopard. Sein hoher parteiinterner Wert zeigt, dass Wermuth sein Ruf nach Überwindung des Kapitalismus, Armeeabschaffung und seine Provokationen im Wahlkampf bei der eigenen Wählerschaft nicht zum Nachteil gereicht haben. Er holte sogar bei SVP-Wählern 383 Stimmen. Für viele Beobachter überraschend chancenlos war dafür der national bekannte Strafrechtsprofessor Martin Killias (SP). Er konnte sich parteiintern nicht nach vorn arbeiten und holte auch deutlich weniger ausserparteiliche Panaschierstimmen als Wermuth.

Geri Müller holte Stimmen der SP

Profitierten wenigstens Umweltspezialisten von Stimmen aus anderen Parteien? WWF-Präsidentin Regula Bachmann-Steiner (CVP) holte gerade bei den Grünen etwas mehr Stimmen als andere CVP-Kandidaten. Auch bei Pro-NaturaGeschäftsführer Johannes Jenny spürt man aus den Stimmen aus anderen Parteien trotz hoher Medienpräsenz keinen speziellen Bonus. Auf ihrer Liste arbeitete sich dafür Marianne Binder-Keller, Kommunikationschefin der CVP Schweiz, nach vorn. Sie schaffte dank einem aktiven Wahlkampf immerhin den sechsten Platz.
Bei den Grünen wurde der vormalige Parteipräsident Jonas Fricker trotz seinem multimedial geführten Wahlkampf hinter der letztjährigen Grossratspräsidentin Patricia Schreiber-Rebmann klar auf den dritten Platz verwiesen. Über phänomenale Akzeptanz auch bei der SP verfügt der grüne Nationalrat Geri Müller. Nur er holte am 23. Oktober bei einer anderen Partei mehr Panaschierstimmen als in der eigenen Partei. Die SP-Wählerschaft gönnte ihm 10000 Stimmen. Das sind etwa gleich viel, wie er parteiintern auf panaschierten und unveränderten Listen zusammen erhielt. Bemerkenswert auch das Resultat der EVP-Spitzenkandidatin Lilian Studer. Sie erhielt fast doppelt so viele Panaschierstimmen wie EVP-Ständeratskandidat Roland Bialek.

Last but not least machte Jeanine Glarner von der Jungen FDP das beste Resultat aller Jungparteien-Vertreter(innen) und überrundete auch die Bestplatzierte der Jungen SVP. Dieses Spitzenresultat dürfte man sich in der FDP-Heeresleitung gemerkt haben.