Abstimmungskampf
Warum Grüne, WWF und Pro Natura bei den Landwirtschaftsinitiativen am selben Strick ziehen

Ein Aargauer Komitee 2 x Ja setzt voll auf die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative. Wer Wasser verschmutzt, soll dafür nicht auch noch Subventionen bekommen.

Mathias Küng
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Die Befürworter (von links): Gertrud Häseli, Robert Obrist, Thomas Baumann, Matthias Betsche und Jonas Fricker mit Hofhund Chasper.

Die Befürworter (von links): Gertrud Häseli, Robert Obrist, Thomas Baumann, Matthias Betsche und Jonas Fricker mit Hofhund Chasper.

Britta Gut

Das Aargauer Komitee 2 x Ja zur Trinkwasser- und Pestizid-Initiative lud zu einer Medienorientierung nach Suhr auf einen Bauernhof – mitten im Dorf. Wobei Suhr einwohnermässig heute als Stadt gilt. Doch wenige Fussminuten von der Hauptstrasse entfernt trifft man den idyllischen Galeggenhof an. Durchs Eingangsportal kommt man in einen grosszügigen Innenhof, in dem Hühner eifrig pickend unterwegs sind, dazwischen stolziert ein Pfau. Hofhund Chasper hält von der Treppe beim Hauseingang her das Ganze im Blick. Die eintreffenden Journalisten lässt er gutmütig passieren.

Im Innenhof warten bereits Vertreter des Ja-Komitees, allen voran der Hausherr, der Biolandwirt und grüne Grossrat Thomas Baumann. In seinem Innenhof könnte man sich in die Gotthelfzeit versetzt wähnen, wären da nicht auch ein Traktor und die 2 x Ja-Plakate. Baumann stellt sein Betriebskonzept vor mit Ackerbau, Landschaftspflege, Gemüse, Geissenkäse, usw. sowie Direktvermarktung: «Das funktioniert, es wäre nach zwei Ja am 13. Juni auch auf anderen Höfen möglich.»

Rückstände sogar noch nach 20 Jahren biologischer Bewirtschaftung

Der Fraktionschef der Grünen im Grossen Rat, Robert Obrist, ist Agronom und Winzer. Er legt dar, dass Rückstände von Pflanzenschutzmitteln «in Böden weit verbreitet sind und sich negativ auf das mikrobielle Bodenleben und nützliche Bodenpilze auswirken könnten».

Agronom und Winzer Robert Obrist.

Agronom und Winzer Robert Obrist.

Britta Gut

Auch in Böden, die bereits über 20 Jahre biologisch bewirtschaftet wurden, fanden die Forschenden Rückstände von bis zu 16 verschiedenen Wirkstoffen, so Obrist. Der Einsatz von Pestiziden im Weinbau könne gesenkt werden, wenn entsprechende pilzwiderstandsfähige Sorten angebaut werden und diese auch Absatzmärkte finden. Und wenn «auf den Einsatz von Herbiziden und Insektiziden verzichtet wird, was heute weitgehend möglich ist».

Insekten: Schmiermittel des Ökosystems schwindet dramatisch

Man erkenne einen klaren Zusammenhang zwischen Pestizideinsatz, Nährstoffüberschuss und der Belastung des Grundwassers, ergänzt Pro Natura-Geschäftsführer Matthias Betsche. Das habe Auswirkungen wie «ein dramatisches Insektensterben». Doch Insekten seien als «Schmiermittel des Ökosystems unverzichtbar».

Matthias Betsche, Geschäftsführer Pro Natura Aargau.

Matthias Betsche, Geschäftsführer Pro Natura Aargau.

Britta Gut

Ein einfaches Indiz für das Insektensterben sei, dass man früher beim Autofahren rasch viele Insekten auf der Windschutzscheibe hatte, das ist heute nicht mehr der Fall. Betsche: «Wir brauchen einen Kurswechsel. Sonst sägen wir am eigenen Ast, auf dem wir sitzen.»

Mit Hochleistungskühen auf dem Holzweg

Ins selbe Horn stösst der grüne Grossrat und frisch gewählte Co-Präsident des WWF Aargau, Jonas Fricker: «Wir brauchen sauberes Wasser und fruchtbare Böden. Diese unsere Grundlagen müssen wir langfristig erhalten.» Wenn man die eigene Lebensgrundlage nicht zerstöre, könne man trotzdem gute Erträge haben, etwa dank widerstandsfähigen Sorten. Das sei auch ein Beitrag zum Klimaschutz.

Jonas Fricker.

Jonas Fricker.

Britta Gut

Es lohne sich auch, weniger Nutztiere zu halten. Dazu gehöre, dass man nur noch so viel Dünger und Tierfutter verbraucht, wie man in der Schweiz selbst herstellen kann. Es lohne sich, «Je höher die Biodiversität, desto schwerer haben es Schädlinge», gibt Fricker zu bedenken.

Aber was sollen Berglandwirte machen, wenn sie nach einem schlechten Sommer zu wenig Futter haben? Man könne auch anders produzieren, sagt die Biobäuerin und grüne Grossrätin Gertrud Häseli. Mit einer standortangepassten Landwirtschaft, mit weniger Maschineneinsatz und einer kleineren Produktion schaue letztlich nicht viel weniger heraus als heute. Mit hochleistungsgetrimmten Kühen mit riesigen Eutern, die diese kaum noch tragen können, sei man «jedenfalls auf dem Holzweg».

«Selbst bei höherem Produzentenpreis würde man kaum etwas davon im Laden spüren»

Gertrud Häseli

Gertrud Häseli

Britta Gut

Für Häseli ist aber klar, dass man dazu auch die Konsumentinnen und Konsumenten ins Boot holen können muss. Dass diese bei 2 x Ja deutlich höhere Preise zu spüren bekämen, glaubt sie nicht: «Der Anteil der Produzentenkosten der Bauern am Preis, den die Leute im Laden bezahlen, ist inzwischen so gering, dass diese selbst bei einem höheren Produzentenpreis kaum etwas davon im Laden spüren würden.»

Was die Initiativen wollen

Die Pestizidinitiative fordert ein Verwendungsverbot von synthetischen Pestiziden sowie ein Einfuhrverbot von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt worden sind. Die Trinkwasserinitiative fordert den Verzicht auf Subventionen (sie arbeitet also mit Anreizen statt Verboten) für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz.