Seit 2007 hat der Aargau eine zeitgemässe Betreuungsgesetzgebung, bestehend aus einem Gesetz und einer Betreuungs-Verordnung. Ergänzt wird sie durch eine Verordnung über die Sonderschulung. Seit 2008, seit der Neuordnung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen (NFA), tragen nicht mehr der Bund mit der Invalidenversicherung, sondern die Kantone die Verantwortung für die adäquate Schulung und Betreuung von Menschen mit Behinderung. Auf dieser Basis hat die Aargauer Regierung eine Sonderschulkonzeption geschaffen, welche sie nun, nach ersten Erfahrungen, angepasst hat.

Sonderschule oder Regelklasse?

«Es geht darum, Fehlzuweisungen von Kindern und Jugendlichen zu vermeiden», sagt Christine Hänggi, Leiterin der Abteilung Sonderschulung, Heime und Werkstätten im Departement für Bildung, Kultur und Sport (BKS). Ihre Abteilung ist für die Leistungsaufträge und die Finanzierung von rund 75 Institutionen für Menschen mit besonderen Betreuungsbedürfnissen verantwortlich.

Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung werden im Aargau entweder in einer Sonderschule oder in der Regelklasse mit individueller Unterstützung geschult. Wurden bisher zu viele Kinder in eine Sonderschule eingewiesen? Oder zu viele in der Regelklasse «mitgenommen»? «Es ist möglich, dass künftig weniger Kinder der Sonderschulung zugewiesen werden, doch primäres Ziel ist nicht die Änderung einer Quote», betont Christine Hänggi. «Es geht um eine bessere Wirksamkeit der Sonderschulung zum Wohl der Kinder und Jugendlichen – und um eine effektivere Mittelkontrolle.»

Einheitliche Abklärung

Alle Kinder und Jugendlichen mit einer Behinderung werden künftig mit einem standardisierten Abklärungsverfahren (SAV) erfasst. Dieses Verfahren hat die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) entwickelt. Es löst die bisherige eher versicherungstechnische und defizitorientierte Betrachtungsweise ab. Durchgeführt wird es ausschliesslich vom Schulpsychologischen Dienst. Der Entscheid, ob ein Kind mit Behinderung in einer Sonderschule oder in der Regelklasse geschult wird, liegt weiterhin bei der Schulpflege.

Der Begriff der Behinderung wird genauer definiert. Dabei wird die Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übernommen. Sie setzt die Beeinträchtigung und Störung von Körperfunktionen des Kindes mit seinen Bildungszielen in Beziehung. Die Beurteilung von schweren Störungen des Sprechens und der Sprache wird künftig nicht mehr durch Logopädinnen und Logopäden in den einzelnen Schulen vorgenommen, sondern von einer Fachstelle im schulpsychologischen Dienst. Für kleine Kinder mit Sprachstörungen waren bisher die Gemeinden zuständig. Künftig gibt es ein regionales Logopädie-Angebot in vom Kanton anerkannten Ambulatorien.

Die Logopädie im Kindergarten und in der Volksschule wird weiterhin in der Schule vor Ort beziehungsweise von den Sprachheilverbänden durchgeführt.

Mehrkosten – Einsparungen

Die beschlossenen Änderungen werden Mehrkosten von rund 1 Million Franken pro Jahr verursachen. Sie fliessen zur Hauptsache in zusätzliche Stellen beim schulpsychologischen Dienst. Doch Christine Hänggi ist überzeugt: «Mittel- und langfristig dürfte das neue Modell nicht teurer, sondern sogar günstiger werden, weil Ressourcen zielgerichteter gesprochen werden können.»

Im Kanton Aargau gibt es Heilpädagogische Sonderschulen (darunter auch zwei private), eine Sprachheilschule, eine Schule für Hörbehinderte, Zentren für Körperbehinderte, Sonderschulen für Kinder und Jugendliche mit erheblicher sozialer Beeinträchtigung sowie verschiedene Schulheime.